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Langsamer Vortrieb: "Serpentinen" von Bov Bjerg

Bov Bjergs neuer Roman "Serpentinen" ist von mineralischer Qualität, seine Sprache kommt uns als Kristallgitter entgegen, klar und streng und hochverdichtet. Er hätte es sich leicht machen können, nach seinem zweiten Roman "Auerhaus", die Nostalgieparameter etwas raufdrehen, retro werden, Geld mitnehmen.

Stattdessen ist er in den Berg gegangen, in den Tunnel, langsamer Vortrieb, wir müssen ihm nun folgen, denn so ist das Leben, je weiter man vordringt, desto enger wird es. Bjergs Erzähler sieht österreichischen Ingenieuren dabei zu, wie sie eine neue Eisenbahnstrecke durch die Schwäbische Alb legen. An seiner Seite der Sohn, von Steinen begeistert, von Fossilien, in denen sich versteinerte Organismen aus vergangenen Zeiten verbergen, darauf wartend, freigelegt zu werden.

Der Erzähler nimmt den Meißel in die Hand und schlägt zu, legt eben frei, seine Geschichte und die seiner Vorfahren. Geologie und Geographie werden eins, Rhein und Donau Ordinate und Abszisse des deutschen Koordinatensystems. Bjerg fragt: Was ist ein Vater? Nein, er fragt das nicht, er schreibt es auf. Jeder Satz kostet Kraft.

"Serpentinen" ist eine Fortsetzung von "Auerhaus". Der Erzähler ist aus der Schwäbischen Alb ausgewandert, hat in Berlin seine eigene Art von Karriere gemacht, als Soziologe an der Universität, ist mit seinem Sohn in die Heimat zurück, um sie ihm zu zeigen. Stattdessen zeigt sich die Heimat ihm. Das Grab des toten Freundes. Der Steinbruch. Der Wald. Der Erzähler hält dagegen, weil er muss. Er vollzieht an der gewalttätigen Familiengeschichte einen säkularen Exorzismus. Ein ungeheuerliches Unterfangen.

In den kommenden Wochen wird "Serpentinen" oft mit den Texten Karl Ove Knausgaards oder Edouard Louis verglichen werden. Es geht ja darum, Mann zu sein, mehr noch: Vater. Deutscher Vater. Aber diese Vergleiche werden scheitern. Denn "Serpentinen" steht für sich allein, sehr weit draußen. Man muss eine Sonde hinschicken und die Bilder studieren, die diese zurückschickt, ein beinah wissenschaftliches Verfahren. So schwer ist es, dieser Geschichte zu begegnen.

Bov Bjerg hätte es sich leicht machen können.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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