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High Weirdness

When the going gets weird, the weird turn pro. (Hunter S. Thompson)

Der Journalist und Religionswissenschaftler Erik Davis hat mit "High Weirdness" ein Buch veröffentlicht, das auf den ersten Blick für Netzmenschen nicht so interessant zu sein scheint. In Anlehnung an Bruno Latour nähert er sich den Lebensgeschichten der drei "Psychonauten" (wie er sie nennt) Terence McKenna, Robert Anton "Illuminatus!" Wilson und Philip K. Dick an, um dem Kern der diversen "New Age"-Bewegungen der kalifornischen 1970er Jahre näher zu kommen.

Davis bezeichnet die drei Schriftsteller als postreligiöse Mystiker. Er erzählt ihre Erweckungserlebnisse nach, die zumindest temporäre Auflösung ihrer Persönlichkeiten, die Grenzerfahrungen. Während McKenna und Wilson noch die Kurve kratzen konnten, blieb Philip K. Dick von seinem drogengetriebenen Erweckungserlebnis bis zu seinem Tod gezeichnet.

Während die Einbettung seiner Erzählungen in gängige Theorieapparate eher aufgesetzt erscheint, bleibt Davis' Argumentationsstrang stark. Er führt seine Leser entlang seiner Protagonisten durch die Ideengeschichte US-amerikanischer Religiosität und dann hinein in deren Verwerfungen der 1960er und 1970er Jahre.

Stark verkürzt lautet Davis' These, dass wir heute alle in einer Welt leben, die zunehmend so funktioniert wie die Mikrokosmen seiner Psychonauten. Im letzten Kapitel skizziert er die Verbindungen zwischen drogengetrieben-libertärer Gegenkultur, die in "Netzwerken" (sic!) denkt und der High-Tech-Branche. McKenna, Wilson und Dick hätten sich ihre eigenen Welten geschaffen, dokumentiert etwa in der "Exegesis", Dicks gewaltigem Apparat von Notizen, gegen den sich "Zettel's Traum" wie Omas Einkaufsliste ausnimmt. Die Zentrifugalkraft selbstverstärkender Gedankenloops, befeuert vom Konsum psychedelischer Drogen, habe die "Suchenden" der 1970er Jahre immer weiter hinaus getrieben, auf der Suche nach einem befreienden Kontakt mit dem Anderen. Immer im Hintergrund: Das Netzwerk-Motiv, das von den Mycelien der psychoaktiven Pilze McKennas über Wilsons Verschwörungstheorien bis hin zu Dicks selbstreferentiell-abstrakten Konstrukten paranoider Logik skaliert.

Davis argumentiert, dass sich heute die ganze Gesellschaft auf der Suche nach bedeutungsvollen Kontakten in einem Netzwerk-High befinde. Dabei streicht er die positiven Aspekte dieses para-spirituellen Suchens hervor, warnt aber auch vor dem unvermeidlichen Psycho-Crash. So gesehen sind Trump und Brexit der Bummer nach den psychedelisch-memetischen 90er-Jahren. Die "Consensus Reality" ist zusammengebrochen und es gewinnt der, der schnell alternative Wahnsinnslogiken herauskotzen kann. Wenn das Konstrukt, mit dem man die Leute verarscht, morgen nicht mehr funktionieren sollte, erfindet man halt on the fly etwas Neues. Anything goes, auch ein altes Leitmotiv der libertär-satanistischen "Seeker"-Szene Kaliforniens.

Für Kenner der SF- und Hackerszenen bietet das Buch eine interessante Perspektive auf bekannte Phänomene. Satanistische Raketenwissenschaftler, irre (aber tatsächlich durchgeführte) CIA-Psycho-Experimente und wahnsinnige Sektenmitglieder gehörten da schon immer zum Repertoire. So ist es schade, dass Davis den Einfluss von Wilsons "Illuminatus!" auf die frühe Hacker-Kultur (Stichwort: Discordianism) nicht einmal erwähnt, obwohl vom Jargon-File bis "23" mehr als genug Referenzmaterial vorgelegen hätte.

Zurück bleibt das Bild eines schillernden Pilzes, der aus einem Fladen Kuhscheiße emporwächst. Angesichts der psychedelischen Netzwerkleckerli sollten wir nie den Bodensatz an Trash und Wahnsinn vergessen, aus dem diese hervorgegangen sind. Erik Davis' "High Weirdness" ist damit sicher eines der wichtigsten politischen Bücher der Saison. Unbedingt empfehlenswert, gerade für Leute, die mit SF und Netzkultur sonst nichts am Hut haben. Für Kenner bringt Davis neue Verbindungen und Sichtweisen auf bekanntes Material.

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Langsamer Vortrieb: "Serpentinen" von Bov Bjerg

Bov Bjergs neuer Roman "Serpentinen" ist von mineralischer Qualität, seine Sprache kommt uns als Kristallgitter entgegen, klar und streng und hochverdichtet. Er hätte es sich leicht machen können, nach seinem zweiten Roman "Auerhaus", die Nostalgieparameter etwas raufdrehen, retro werden, Geld mitnehmen.

Stattdessen ist er in den Berg gegangen, in den Tunnel, langsamer Vortrieb, wir müssen ihm nun folgen, denn so ist das Leben, je weiter man vordringt, desto enger wird es. Bjergs Erzähler sieht österreichischen Ingenieuren dabei zu, wie sie eine neue Eisenbahnstrecke durch die Schwäbische Alb legen. An seiner Seite der Sohn, von Steinen begeistert, von Fossilien, in denen sich versteinerte Organismen aus vergangenen Zeiten verbergen, darauf wartend, freigelegt zu werden.

Der Erzähler nimmt den Meißel in die Hand und schlägt zu, legt eben frei, seine Geschichte und die seiner Vorfahren. Geologie und Geographie werden eins, Rhein und Donau Ordinate und Abszisse des deutschen Koordinatensystems. Bjerg fragt: Was ist ein Vater? Nein, er fragt das nicht, er schreibt es auf. Jeder Satz kostet Kraft.

"Serpentinen" ist eine Fortsetzung von "Auerhaus". Der Erzähler ist aus der Schwäbischen Alb ausgewandert, hat in Berlin seine eigene Art von Karriere gemacht, als Soziologe an der Universität, ist mit seinem Sohn in die Heimat zurück, um sie ihm zu zeigen. Stattdessen zeigt sich die Heimat ihm. Das Grab des toten Freundes. Der Steinbruch. Der Wald. Der Erzähler hält dagegen, weil er muss. Er vollzieht an der gewalttätigen Familiengeschichte einen säkularen Exorzismus. Ein ungeheuerliches Unterfangen.

In den kommenden Wochen wird "Serpentinen" oft mit den Texten Karl Ove Knausgaards oder Edouard Louis verglichen werden. Es geht ja darum, Mann zu sein, mehr noch: Vater. Deutscher Vater. Aber diese Vergleiche werden scheitern. Denn "Serpentinen" steht für sich allein, sehr weit draußen. Man muss eine Sonde hinschicken und die Bilder studieren, die diese zurückschickt, ein beinah wissenschaftliches Verfahren. So schwer ist es, dieser Geschichte zu begegnen.

Bov Bjerg hätte es sich leicht machen können.

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