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William Gibsons "The Peripheral": Mit der Zeit über Kreuz

Ich lese jedes neue Buch von William Gibson, so auch "The Pheripheral". Die Story klingt kompliziert, ist aber schon fast zu straight erzählt, mit zwei Erzählsträngen, die jeweils für einen Zeitstrahl stehen: Einen, der im London einer technisch sehr weit fortgeschrittenen Zukunft spielt, und einen zweiten, der ein beinahe zeitgenössisches Amerika abbildet.

Gibsons US-Heldin Flynne lebt in einer Hillbilly-Gesellschaft, in der es zunächst nur drei Machtfaktoren gibt: Die ACME-artige Ladenkette Hefty Mart, den korrupten Drogenbaron-Gouverneur und "Homes" aka Homeland Security. Flynnes Bruder und seine Freunde sind alle Veteranen, Ex-Militärs, oft in Kriegen so verstümmelt, dass sie kaum noch existieren. Flynnes USA funktionieren wie das Mexiko von heute. Jobs gibt es nur bei den "Assemblern", die mit Fabrikatoren illegale Drogen herstellen, manche Leute verdienen sich ihren Lebensunterhalt als professionelle Gamer in Luftschlachtsimulationen, eine Tätigkeit, die an eine von Gibsons alten Kurzgeschichten erinnert.

Flynne übernimmt von ihrem Bruder einen Bodyguard-Job, in dem sie mit einer ferngelenkten Heli-Drohne neugierige Paparazzocopter von einer Wohnung in einem Hochhaus fernhalten soll. Als sie über die Drohne Zeugin eines Mordes wird, hält sie die Szene zunächst für ein Non-Ereignis in einem besonders brutalen Videospiel. Tatsächlich aber ist sie über einen mysteriösen chinesischen Zeitserver mit der Zukunft verbunden. Der Mord, bei dem Flynne die einzige Zeugin ist, funktioniert als McGuffin, der die Geschichte weitertreibt.

Die Polizei im London der Zukunft, wo der Mord in Wirklichkeit stattgefunden hat, möchte Flynne zu der Tat befragen, sie soll den Täter identifizieren. Das Gesetz wird verkörpert durch Detective Inspector Ainsley Lowbeer, eine Figur, die beinahe gottgleiche Eigenschaften trägt, da sie durch fortgeschrittene Nanotechnik und die "Aunties" unterstützt wird, Überwachungsalgorithmen, denen nichts entgeht.

Um an Flynne zu kommen, muss sich Lowbeer mit dem russischstämmigen Kleptokratensohn Lew verbünden, der sich über den (höchstwahrscheinlich) chinesischen Server einen eigenen Zeitstrang eingerichtet hat, in Anlehnung an die Wikipedia "Stub" genannt, also ein Thema, das weiterentwickelt werden muss. Die operativen Aspekte dabei übernehmen Levs Angestellte Ash und Ossian sowie sein Spezi, der in Ungnade gefallene PR-Agent Wilf Netherton. Netherton hat drei Eigenschaften, die ihn auch heute ganz sicher direkt in die Hölle schicken würden: Er ist ein softer Gentleman-Loser, angehender Alkoholiker - und er macht irgendwas mit Medien.

Eines dieser Medien ist ein "Peripheral", das Lew auf Anraten von Frau Inspektor Lowbeer beschafft: Ein biotechnischer Androide von Hermès, auf die Schnelle aus zweiter Hand in Paris besorgt. Da keine Menschen zwischen den Zeitschienen hin- und herwechseln können, wird Flynnes Bewusstsein in den bereitstehenden leeren Körper geladen, wodurch sie in Nethertons Zeit agieren kann.

Ein Stub, ist er erst einmal angelegt, läuft zwar synchron zur Londoner Zeit, je häufiger und stärker in ihn eingegriffen wird, desto weniger hat er aber mit ihr zu tun. Lev und seine Leute müssen über eine Scheinfirma in Kolumbien Geld und Know-how in Flynnes Kleinstadt pumpen, damit ihre Freunde mit Fabrikatoren eine Telepräsenzeinrichtung bauen können, mit der die Zeugin in den Peripheral hochgeladen werden kann. Als Lowbeers Gegenspieler dies bemerken, werden auch sie in Flynnes Stub tätig und kaufen erst den korrupten Gouverneur, dann das ganze Department of Homeland Security. Lev dagegen übernimmt mit Trading-Tricks aus der Zukunft einen substanziellen Teil von Hefty Mart und heuert Söldner an.

Die beiden Fraktionen aus der Zukunft bereichern und verwüsten mit ihrem Geld und ihrem Wissen Flynnes Welt, sie kolonisieren gewissermaßen die Vereinigten Staaten, indem sie Regierungsmitglieder und das ganze Innenministerium kaufen und die lokalen Machtfraktionen gegeneinander kämpfen lassen, ganz wie Engländer oder Franzosen im Afrika des 18. Jahrhunderts.

Dass die Hillbilly-USA der Vergangenheit dabei ausgerechnet aus einem London der Zukunft kontrolliert werden, ist ein ganz besonders finsterer Dreh, aber am Ende auch nicht böser als die Tatsache, dass dieses feudale London von russischen "Klepts" beherrscht wird und von einer ökologischen Katastrophe, dem sogenannten "Jackpot", von Menschen beinahe leergeräumt ist. Das London der Zukunft beschreibt Gibson gewissermaßen als Vollendung neoliberaler Technopolitik: Die Elite braucht die Proles nicht mehr, sie sind praktischerweise schon vorher in der Katastrophe verreckt. Übrig bleiben nur noch die Hochtechnologie und eine Leisure Class mit Figuren wie Wilf Netherton, Lev und Lowbeer sowie ihren Gegenspielern, die sich mit mörderischen Maschinerien und byzantinischen Intrigen gegenseitig aus dem Weg zu räumen trachten.

Handwerklich ist der Roman mehr als solide, dem Personal fehlt allerdings eine Figur wie Hubertus Bigend aus Gibsons "Pattern Recognition"-Trilogie. Spurenelemente von Bigend finden sich in Wilf Netherton wieder, eigentlich der Sidekick der starken Heldin Flynne, der aber durch seinen Hang zu Fuckup und Alkohol mehrfach gebrochen und damit interessanter wirkt. Wilf hat keine Eigenschaften, das Leben treibt ihn, nicht umgekehrt. Er ist ein Medientrottel, wie beinahe alle Menschen im Facebook-Zeitalter.

Der implizite soziale Kommentar, der nirgends groß ausgewalzt werden muss, sondern durch seine mannigfaltigen Details wirkt, ist die große Stärke des Buchs, alles andere ist bekanntes Beiwerk mit vielen, vielen Drohnen und der Zukunftstechnik aus der letzten Ausgabe des Scientific American. Konservative Leser und NSA-Mitarbeiter ("Unsere Leser!" (B. Sterling)) mögen sich wiederum an Ainsley Lowbeer erfreuen, die eine Art gutes GCHQ in einer einzigen Person darstellt, noch dazu in einer Welt, in der es keine lästigen Richter gibt und das Recht in bester Judge-Dredd-Tradition unmittelbar von der Exekutive exekutiert wird.

Science-Fiction der Goody-Two-Shoes-Sorte ist "The Peripheral" jedenfalls nicht, Gewalt wird durchaus gefeiert, totale Überwachung ebenso. Ein Moralapostel war Gibson aber nie, sonst wäre er nicht so relevant. Er ist ein Archäologe, der die Konturen der ruinierten Zukünfte unserer Gegenwart mit der Zahnbürste freilegt. In "The Peripheral" bekommen wir sogar zwei davon zum Preis von einer.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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