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Deutschlandverkehr, November 2015

Ticketkauf für den Zug nach Osten, zumindest im Internet nur noch mit Reservierung, man weiß ja nicht, welche Gestalten illegal mit dem Zug über die Grenze… „Aber doch nicht in Gegenrichtung!“ - „Was wissen SIE schon?“

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Der Zug rattert durch die Landschaft, außer mir nur ein Schaffner der Bahn AG in voller Montur im Triebwagensegment, wir gähnen unsere Smartphones an, bis ein kleiner Typ durch den Gang gestolpert kommt, Lederjacke, schwarze Basecap, Handy am Ohr, seine Miene erst besorgt, dann entzückt, als er den Schaffner sieht.
„Der Automat am Bahnhof. Er nimmt mein Geld nicht. Hier. 50 Euro.“
„Dafür bin ich nicht verantwortlich.“
„Du musst mir ein Ticket verkaufen. Ich fahre nicht schwarz!“
„Ich kann Ihnen kein Ticket verkaufen.“
„Warum nicht? Der Automat hat mir kein Ticket verkauft und ich fahre nicht schwarz! Ich komme aus Arabien und bin sechs Monate in Deutschland. Ich arbeite hart. Ich zahle keine 60 Euro! Verstehst du?“
„Ich kann Ihnen kein Ticket verkaufen. Ich bin von der Bahn.“
„Ja, von der Bahn! Du verkaufst Tickets!“
„Das ist kein Zug von der Bahn. Ich darf Ihnen hier kein Ticket verkaufen.“
„WAS? Aber du bist von der Bahn!“
„Aber das ist kein Zug von der Bahn, sondern von A.. Also darf ich hier keine Tickets verkaufen.“
„Pass auf: Ich fahr nicht schwarz. Der Automat ist kaputt und ich kann mir kein Ticket kaufen. Ich arbeite hart. Ich hab hier fünfzig Euro und einmal fünf Euro. Der Automat nimmt mein Geld nicht. Ich will nicht, dass etwas passiert.“
„Da passiert nichts. Da kommt kein Kollege mehr. Wo wollen Sie hin?“
„Nach R..“
„Bis R. kommt sicher kein Kollege mehr. Da passiert nichts.“
„Hey, und wenn doch was passiert? Warum verkaufst du mir kein Ticket? Das ist doch eine Maschine für Tickets, die du da hast!“
„Da passiert nichts. Ich kann hier keine Tickets verkaufen. Andere Firma.“
„Firma? Firma ist das, was produziert. Bahn produziert nichts. Bahn transportiert. Ich arbeite bei einer Firma. Wir produzieren was.“
„Ich arbeite bei der DB… Fernverkehr.“
„Deutsche Bundes… Deutsche Bundesbahn!“
„Äh, nein, Deutsche Bahn. Andere Firma. Das hier ist A..“
„Ich will keinen Ärger, verstehst du? Bei uns daheim läuft das anders, aber in Deutschland brauchst du ein Ticket!“
„Das stimmt. Sie bekommen keinen Ärger. Es ist richtig, dass Sie gleich zu jemandem gehen, wenn der Automat nicht funktioniert.“
„Aber warum funktioniert der Automat nicht?“
„Zu große Scheine.“
„Zu große Scheine? Soll ich die kleinschneiden oder was?“
„Nein. Es ist richtig, dass Sie es gleich jemandem sagen, wenn der Automat nicht funktioniert.“
„Der Automat ist schlecht.“
„Dafür kann ich nichts. Ich habe die Automaten nicht aufgestellt.“
„OK. Ich will keinen Ärger. Wenn jemand kommt, dann schick ich ihn zu dir. Du bist verantwortlich.“
„Da kommt niemand. Aber wenn jemand kommt, dann schicken Sie ihn zu mir und ich sage ihm, dass Sie mir gesagt haben, dass der Automat nicht funktioniert.“
„Gut. Dann fahre ich schwarz.“
„Da kommt niemand mehr. Echt nicht.“
„Dann fahr ich halt schwarz. Und du schaust zu. Unglaublich.“

Das Handy des Fahrgasts klingelt. „Hallo? Ja, ich bin im Zug nach R. und ich hab kein Ticket, weil der Schaffner sagt, ich soll schwarzfah… hallo? Kein Netz.“

+++

Bahnsteig in R.. Abendlicht. Ein Mädchen mit Rucksack und eine einzelne Taube laufen im Kreis. Der ICE hat Verspätung. Ein Zug einer anderen Privatbahn läuft ein, die Waggons stammen aus den 1970ern, sind aber bunt angemalt. Die Taube findet ein Stück Breze, pickt wild darauf los, so enthusiastisch, dass die Beute ihr immer wieder davonspringt und sie ihr hinterherwetzen muss. Das Mädchen mit Rucksack läuft weiter im Kreis. Es ist zu warm für die Jahreszeit, El Niño, Treibhauseffekt, wir frieren nicht. Eine einzelne Raucherin steht in der Raucherzone am Ende des Bahnsteigs, stets innerhalb des von einem gelben Streifen markierten Raucherzonenquadrats, beobachtet von zwei Überwachungskameras. Ein alter Mann in einer riesigen FILA-Trainingsjacke stoppt an einem der Mülleimer, greift ganz tief hinein, holt etwas heraus, steckt es in die Tüte, die er dabei hat. Er sammelt Plastikflaschen, für die es in Deutschland ja Pfand gibt, Dosenpfand, ein Artefakt der letzten Joschkafischerkoalition, Umweltminister Jürgen Trittin.

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Last modified: 10/5/19 8:37 PM
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