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Sunday, September 15, 2019
Robert Frank: Being Shot

Als Robert Frank 1955 in Arkansas für sein Projekt unterwegs gewesen ist, aus dem "The Americans" werden sollte, wurde er von einem Polizisten festgesetzt, weil er Kameras und Straßenkarten dabei hatte - er hätte ja ein kommunistischer Spion sein können.

Heute hat eigentlich fast jeder mindestens eine Kamera im Smartphone dabei und wird seinerseits in vielen Situationen von Überwachungskameras erfasst. Ulrich Beck hätte in diesem Zusammenhang wohl von reflexiver fotografischer Praxis gesprochen. Die fotografische Praxis durchdringt das Leben im frühen 21. Jahrhundert. Fotografieren ist billig und jeder tut es.

Dabei bildet sich eine reflexive fotografische Haltung heraus: Man lernt, was es bedeutet, fotografiert zu werden und man lernt auch selbst, wie man es macht. Es entsteht ein inneres Modell der Bilderproduktion und des Fotokonsums.

Mag also sein, dass Robert Franks künstlerische Praxis, eine zu Bildern geronnene emotionale Spur zu hinterlassen, den audiovisuellen Alltag unserer Zeit vorweg genommen hat. In Texten über "The Americans" darf der Hinweis auf das von Jack Kerouac verfasste Vorwort nicht fehlen. Dass Franks Fotografie das visuelle Äquivalent zu "On the Road" liefert, ist ein naheliegender Schluss, der meines Erachtens aber nicht stimmt.

Ob als Fotograf oder Filmer, Robert Frank hat zwar immer "draufgehalten", aber er hat auch sorgfältig ausgewählt, redigiert und montiert. Die Beatnik-mäßige Schleißigkeit in der Anmutung ergab sich dabei aus der Anforderung, möglichst mobil zu sein und mit kompakter Ausrüstung zu arbeiten. Sicher war es in den 1950er Jahren möglich, Locations perfekt auszuleuchten und hochauflösende schöne Fotos zu machen. Frank aber wollte als Individuum möglichst minimalistisch unterwegs sein: "...to photograph freely throughout the United States, using the miniature camera exclusively", wie er es in seinem 1954 eingereichten Antrag für das Guggenheim-Stipendium formulierte. Der Eingangsstempel trägt das Datum 21. Oktober 1954. Am 1. November desselben Jahres stellte Kodak seinen revolutionären weil für damalige Verhältnisse mit 400 ISO hochempfindlichen Tri-X-Schwarzweißfilm vor, den Frank für seine Arbeit an "The Americans" verwenden sollte.

Frank und seine Familie lebten zwar in kargen Verhältnissen, aber Beatnik-Schlamperei und Low-Tech-Attitüde waren ihm fremd. Der nagelneue Tri-X-Film und die auch damals schon teure Leica waren genau die richtigen Werkzeuge für den Job. Was heute falsch belichtet und verwackelt aussehen mag, waren genau die Bilder, die man mit dieser Ausrüstung unter den von Frank ausgesuchten Bedingungen eben machen konnte. Die Bilder in "The Americans" wirken auch heute noch so wie intendiert, weil ein Profi sie mit genau den richtigen Werkzeugen gemacht hat.

Die Theorie, dass Frank die aktuelle soziale Praxis der Bilderkommunikation vorweggenommen hat, stimmt also nur in Bezug auf Menschen, die wissen, was sie tun - und dabei hart an sich arbeiten. Schließlich würde auch niemand behaupten, dass heute jeder ein Schriftsteller ist, weil sich jeder einen Kugelschreiber kaufen kann.

Was Frank zum Zeitgenossen macht, ist seine Arbeit direkt in der Situation. Was ihn anachronistisch wirken lässt, sind seine Subjekte. Es ist kaum mehr nachzuvollziehen, was es 1955 bedeutet haben mag, unvorbereitet im eigenen Alltag, in der eigenen Lebenswelt fotografiert zu werden. Diese Differenz zwischen alltäglicher und unwiederbringlich verlorener Praxis ist die Quelle einer zutiefst mit der Fotografie verbundenen Melancholie, wie sie Roland Barthes in den ersten Absätzen seiner "Hellen Kammer" beschrieben hat. Franks "Es ist so gewesen" umfasst aber nicht nur das einzelne Foto, sondern die ganze fotografische Praxis.

Der Abschied von Robert Frank wiederum birgt diese Melancholie in sich und hebt sie auf. Er ist so gewesen.

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Last modified: 10/5/19 8:37 PM
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