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Friday, September 9, 2016
Aftenposten

Facebook hat gestern und heute für einen Eklat gesorgt, indem es das berühmte Vietnamkriegsfoto "Napalm Girl" von Nick Ut vom Account der norwegischen Zeitung "Aftenposten" gelöscht hat. Auch vom Account der norwegischen Premierministerin Erna Solberg verschwand das Bild, nachdem sie es als Protest gegen die "Guidelines" von Facebook dort hochgeladen hatte. Facebook hat seine Entscheidung heute Abend nach den Protesten zurückgenommen. (Guardian)

Nachdem ich heute Morgen den offenen Brief des "Aftenposten"-Chefredakteurs Espen Egil Hansen über den Feed des "Guardian" in die Twitter-Timeline gespült bekommen habe, bestand mein erster Reflex natürlich darin, das Stück zu retweeten. Sofort erschien nicht nur der Link zu dem Artikel des "Guardian", sondern auch das Bild in meiner Timeline.

Es ist ein hartes, schockierendes Bild. Ich habe es in einem weiteren Reflex sofort entfernt und mein Posting gelöscht.

Mein nächster Reflex als alter Metaebenenschleicher zwang mich freilich zur Selbstreflexion. Warum habe ich das Bild sofort aus der Timeline gelöscht? Bin ich schon so wie Zuckies finstere Richtlinien-Enforcer, prüde und übersensibel? An dieser Stelle könnte man schon aufhören zu denken und das Thema dem üblichen Empörungs-Pingpong in den Sozialmedien überlassen. Aber mein innerer Konnektionist zwingt mich dazu, dieses Posting zu schreiben, schließlich geht es um Struktur und Kontext.

Das Bild hat nicht in meinen Morgenfeed gepasst, weil ich nur auf den Artikel und das Faktum hinweisen wollte, aber nicht meine Morgenleserschaft (Ihr beide wisst, wer ihr seid) mit einem Schockerbild vor den Kopf stoßen wollte. Mein Feed ist ein privates Ding, ich bin nicht Reuters. Das ist es auch, was mich als alten Netztypen in den Sozialmedien wie FB oder Twitter ständig irritiert, dieses nervige Alternieren zwischen Freundeskreisprivatheit und News-Öffentlichkeit. Wenn ich eine Zeitung aufschlage oder eine Nachrichten-Site öffne, dann weiß ich, dass mich dort ein Bild wie das von Nick Ut erwarten kann. Wenn ich FB oder Twitter aufmache, dann kommt alles gleichzeitig: News, Mord, Totschlag, Postings über das Baby eines Freundes, Witze von Kumpeln, und zwar alles gleichzeitig und in sehr hoher Geschwindigkeit.

Ich finde, dass diese Auflösung der Konsummodi eine Irritation erzeugt, die FB auch mit den avanciertesten Ordnungsalgorithmen nicht wird auflösen können, weil diese auch über feinkörnigste Analysen keinen Zugriff auf die aktuelle und schnell zwischen den Wahrnehmungsmodi alternierende Haltung des Users haben können. Es ist auch dieses Alternieren, das wohl mit für die aktuelle Nervosität und permanente Aufgeregtheit in den Sozialmedien verantwortlich sein dürfte.

Deshalb, und nicht einfach nur wegen der dort geübten Zensur, ist Facebook der falsche Ort für Präsentation und Konsum ernsthafter journalistischer Medienobjekte. Ich meine damit nicht, dass Medienunternehmen sich nicht dort bewegen und ihre Produkte ausstellen und mit ihrem Publikum interagieren sollen. Aber sie sollten die Souveränität ihrer eigenen Plattformen pflegen, weil nur dort der Kontext für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den erarbeiteten journalistischen Erzeugnissen gegeben ist.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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