textdump
Wednesday, May 18, 2016
Corporate vs. Crazy

Es sieht ja so aus, als würde die alte Unterscheidung zwischen rechts und links in der Politik nicht mehr funktionieren. Das mag auf den ersten Blick auch so sein, denn die öffentliche Non-Debatte wird von zwei Geschmacksrichtungen beherrscht, die man ganz anders bezeichnen müsste, nämlich als Corporate und Crazy.

Corporate hat weitestgehend (aber nicht vollständig!) die alte Parteienlandschaft des transatlantischen Westens absorbiert. Einige Merkmale des Corporate-Politikers:

  • Sieht den gegebenen Zustand und dessen Erhaltung als "alternativlos".
  • Sieht und führt den Staat wie ein Unternehmen, sagt das auch und ist stolz darauf.
  • Übersteigert den Rationalismus ins Irrationale.
  • Will eigentlich kein Politiker sein, sondern sieht das Amt als Einstiegsposition für einen Superjob in "der Wirtschaft". Pflegt entsprechendes Vokabular.
  • Diffundiert Verantwortung nach Vorbild zeitgenössischer Manager in Gremien oder stützt sich auf Plebiszite. Nachvollziehbare Entscheidungen sind um jeden Preis zu vermeiden, denn die Welt ist so wirr und unberechenbar, dass jede Bewegung im Desaster enden kann.
  • Hält die Entscheidungsfindung in der repräsentativen Demokratie für gerade noch erträglich, weicht aber auf autoritäre Mechanismen aus, wo es auch immer geht (EU-Ministerrat, TTIP-Verhandlungen, etc.).
  • Muss sich Ergebnisse in der Regel wesentlich härter erarbeiten als Manager in "der Wirtschaft", bekommt aber viel weniger Geld dafür. Bewegt sich trotzdem ständig in Managerkreisen und muss wegen des Einkommens- und Machtgefälles irgendwann einen Minderwertigkeitskomplex bekommen.
  • Hat keine Ideologie (gut), aber auch keinen Plan (schlecht).

Ist der Minderwertigkeitskomplex so groß geworden, dass er alle anderen Aspekte seiner Persönlichkeit überformt oder sieht er keine Chance mehr auf weiteren Aufstieg, wird der Corporate-Politiker irgendwann crazy und entwickelt unter anderem folgende Merkmale:

  • Er borgt sich eine extremistische Ideologie aus dem 19. Jahrhundert und/oder eine Religion, die er ausschließlich fundamentalistisch-destruktiv auslegt. IMMER aber stellt er mindestens eine Eigenschaft zur Schau, die traditionelle Vertreter dieser Richtungen niemals zulassen würden. Damit kann er immer sagen: Ich bin ja gar nicht so. Das ermöglicht ihm, auch die abgegriffenste und kaputteste Ideologie so zu benutzen, als wäre sie brandneu und hätte sich niemals durch Weltkriege, Massenmorde etc. selbst diskreditiert.
  • Hat eine Ideologie (schlecht), aber keinen Plan (eher gut, denn das lässt ihn scheitern).
  • Während der Corporate-Politiker sich noch ein säkulares Jenseits als Topmanager in einem Superkonzern erträumen kann, ist für den Crazy-Politiker in seinem Amt Schluss. Das lässt ihn nach einer gewissen Zeit verzweifeln und macht ihn böse.
  • Weil er selbst aufgrund der Beschränkungen der eigenen Ideologie auf ein Gebiet, eine Identität oder Religion irgendwann nicht mehr wachsen kann, will er die Corporate-Politiker wieder unter die Knute des Nationalstaats zwingen. Das schafft er aber nicht, ohne seinen eigenen Anhängern schwerste Prüfungen aufzuerlegen.
  • Mit dem Auferlegen schwerster Prüfungen kommt der Crazy-Politiker nur durch, wenn er brutal autoritär agiert, alle Mediensysteme kontrolliert, etc.. Praktischerweise haben die Corporate-Politiker für ihn schon alle Überwachungsgesetze geschrieben und die Gewaltenteilung tödlich geschwächt, weil sie zu faul waren, sich eine andere Lösung für zeitgenössische Sicherheitsprobleme auszudenken. Außerdem machen Corporates und Crazys verdammt gerne Geschäfte im "Sicherheits"-Business, denn im Schutz von Geheimhaltungsregeln kann man endlich wieder so richtig schön korrupt sein.
  • Der Crazy-Politiker kommt authentischer rüber als seine Corporate-Gegner. Er ist ja auch authentisch crazy, zumindest zu Beginn.
  • Die Craziness nutzt sich mit dem möglicherweise eintretenden Erfolg ab. Es kostet außerdem wahnsinnig viel Kraft, ständig so richtig authentisch crazy zu sein. Und nichts wirkt so unauthentisch wie Craziness als Geste.
  • Der Crazy-Politiker hasst nichts so sehr wie Wissenschaft und Aufklärung, er muss die Leute so lange wie möglich in seiner Crazy-Bubble gefangen halten, gerne auch physisch, mit Grenzkontrollen, Mauern und Ausreiseanträgen.
  • Der Crazy-Politiker ist schlimmstenfalls die böse Variante des Tricksters aus dem Anthropologielehrbuch. Ein Archetyp des Verderbens.

Etc. pp. u.v.m.

Hat der Antagonismus Corporate vs. Crazy nun die Unterscheidung zwischen rechts und links ersetzt? Nein, denn sowohl Corporate- als auch Crazy-Politiker sind rechts. Den einen fehlen Empathie und echter Wille zum gesellschaftlich-ökonomischen Ausgleich, die anderen denken weder solidarisch noch internationalistisch.

Online for 3081 days
Last modified: 2/2/20, 12:22 PM
Status
You are not logged in
... Login
E-Books!
Main Menu
Search
Calendar
June 2021
SunMonTueWedThuFriSat
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930
February
Comments

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher