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Saturday, May 23, 2015
Warum mir Facebook keine Angst macht

In jüngster Zeit war Facebook wieder besonders böse, sogar für die eigenen Verhältnisse. Es lockt starke journalistische Marken von ihren eigenen Domains weg, mit dem Versprechen von Kundendaten und Monetarisierungsmöglichkeit. Damit übernimmt es, oberflächlich betrachtet, die Funktion des Pressegrossisten (in Österreich: Morawa), aber der User gibt halt im Browser nicht mehr "spiegel.de" ein oder klickt die entsprechende Bookmark und aktualisiert damit sein Verhältnis zur Marke des Anbieters, sondern eben "facebook.de" - und bald muss er gar nichts mehr eingeben, die Browserzeile ist ohnehin schon vielen lästig.

Einer von vielen Vertriebswegen halt, meinte Wolfgang Blau vom "Guardian" sinngemäß neulich auf Twitter. Ich bin zu faul, das Posting jetzt aus deren Datenbank zu ziehen. Hier ist er:

Ich glaube, die Aufgabe für den Netzmenschen besteht jetzt genau darin, dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt, dass FB eine von vielen Kommunikationsmöglichkeiten bleibt, nicht die einzige.

Was mich wiederum zur wohl bösesten Expansionsbewegung Facebooks bringt: Internet.org. Schon der Name ist eine Frechheit, denn es geht um die Kooperation von Facebook und anderen Netzoligopolisten mit ihren Lieblingsgegnern, dem Oligopol der Mobilfunkprovidern. Oligarch gegen Oligarch und beide gegen die Freiheit im Netz. Die Mobiloligarchen bekommen Geld dafür, Facebook und andere Dienste gratis mit ihren Datenangeboten durchzulassen. Facebook verkauft das als Public Service für Entwicklungsmärkte, wo es meist überhaupt nur mobiles Netz gibt: Besser das Non-Internet von Internet.org als gar nichts.

Facebook will damit potentielle Konkurrenz ausschalten, indem es ihr den Humus nimmt, aus dem es selbst gewachsen ist: Den ungehinderten Zugriff auf das freie Internet-Protokoll TCP/IP und die Möglichkeit, Open-Source-Software nach eigenem Gutdünken ohne Mittelsmänner rekombinieren und dem Publikum zur Verfügung stellen zu können.

Der Grund, weswegen Facebook mir keine Angst macht, besteht darin, dass es bei all seiner Macht auch nur ein Subset freier Technologien ist und damit jederzeit durch andere Systeme ergänzt oder ersetzt werden kann. Facebook ist, wenn es das freie Netz zulässt, sogar dafür nützlich. Es demonstriert seine Leistungsfähigkeit und macht es - ähnlich wie Google - attraktiv, spendet hier und da auch Code dafür im Rahmen der eigenen FOSS-Projekte.

In einem kapitalistisch organisierten Umfeld braucht auch das freie Netz Lokomotiven wie Facebook und Google, die dafür sorgen, dass viele Menschen zu niedrigen Preisen Zugriff auf die Werkzeuge und Dienste des Netzes bekommen. In Europa ist das Netz gegen die Provider auch deshalb so schlecht aufgestellt, weil es hier keine solchen Lokomotiven gibt, die Druck auf die Politik ausüben können.

Nun bringt sich Facebook durch den Pakt mit den Providern und wohl auch durch die eigene Hybris selbst in Gefahr. Wenn es kein Umfeld mehr gibt, dann kann es auch neue Trends nicht mehr erkennen (und neutralisieren, indem es sie aufkauft, wie Instagram oder Oculus Rift) und weiter wachsen oder nur die bestehende Nutzerschaft weiter an sich binden, was schon statistisch gesehen immer schwieriger wird.

Facebook hätte, wenn es intelligent wäre, ein vitales Interesse an möglichst harter Netzneutralität, weil es selbst dafür der beste und erfolgreichste use case ist. Freilich ist die Verführung groß, die Tür zu den Optionen, die den eigenen Aufstieg ermöglicht haben, anderen vor der Nase möglichst laut zuzuschlagen. Das erinnert an das Verhalten von Zuwanderern zweiter Generation, die sich in ihrem neuen Heimatland einer isolationistischen rechten Partei anschließen.

In dieser Zuspitzung tritt die Relevanz der Netzneutralität, die auch aus europäischer Perspektive unbedingt hart durch Gesetze abgesichert werden muss, besonders deutlich hervor. Denn mit Netzneutralität kann man ein Facebook werden. Ohne sie ist es unmöglich. Es ist ohne sie auch unmöglich, Facebook zu sein.

Wenn Facebook seinen bösesten Plan mit aller Konsequenz durchsetzt, dann legt es die Axt also an die eigenen Wurzeln. Darum macht mir Facebook keine Angst.

Edit: Armin Medosch hat wichtige Beobachtungen über vielversprechende Ansätze zu einer freien Infrastruktur gesammelt.

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Last modified: 9/15/19 6:35 PM
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