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Tuesday, February 24, 2015
Staat und Fotograf, State of Photography

Fotografieren ist heute fast schon ein Verbrechen, wie Mario Sixtus unlängst ausgeführt hat. Seinem Artikel wären noch zahllose andere Späße und Schikanen hinzuzufügen, etwa die Ag-Gag Laws in einigen US-Bundesstaaten oder die nonexistente Panoramafreiheit in Ländern wie Frankreich, die es ermöglicht, die Beleuchtung des Eiffelturms rechtlich zu schützen.

In Deutschland ist die Nemesis jedes Street Photographers das "Recht am eigenen Bild", eine Konstruktion, die noch im Kaiserreich erfunden wurde, weil zwei Fotografen unerlaubterweise Bilder des aufgebahrten Reichskanzlers Otto von Bismarck geschossen hatten. Keine Frage: Paparazzi nerven und die Grenze zwischen Wahnsinn und Kunst ist auch hier schwer zu ziehen.

Nun hat aber die Bundesregierung in einer Schnellaktion mit der "Lex Edathy" (Sixtus beschreibt den Vorgang) abermals einen wunderbaren rechtsfreien Raum geöffnet, in dem selbsternannte Fotoopfer herumklagen können. Und das nicht 1908, sondern 2015, zu einer Zeit, in der die Bildkommunikation über Mobiltelefone mindestens ebenbürtig mit der Textkommunikation ist.

Nun wäre das per se noch kein Grund, auf eine gesetzliche Regelung des Fotografierens zu verzichten - schon gleich gar nicht in Deutschland. Würde der Staat nicht seine Bürger auf mittlerweile grotesk anmutende Art und Weise digital ausspionieren, dem Blick unzähliger Überwachungskameras aussetzen, ihn wegen nichtigster Vorfälle in die digitale Schleppnetzfahndung mit Funkzellenabfrage schmeißen, seine digitale Kommunikation jedem mehr oder weniger befreundeten Five-Eyes-Geheimdienst auf dem Silbertablett servieren, die Vorratsdatenspeicherung fordern... Ja, die Vorratsdatenspeicherung, bei der es immer heißt: "Wir nehmen ja nur die Metadaten, nicht die Inhalte."

Dem entgegne ich als Fotograf: "Ich nehme ja nur das Licht, ich dringe nicht in die Gedanken ein, stehle keine Seelchen, meine lieben, zarten Eingeborenen, mich interessiert nur wie das Licht auf belebte und unbelebte Körper fällt, auf dass die Nachwelt sich davon ein Bild machen kann, wie wir gelebt haben!"

Sprich: Der Staat hat mit seiner ungehemmten Gier nach persönlichen Daten selbst die Anforderungen dafür, was eigentlich Privatsphäre im öffentlichen Raum bedeutet, so weit heruntergefahren, dass heute eigentlich jeder Richter jedes Foto jeder Person im öffentlichen Raum automatisch zur Publikation freigeben müsste.

Es geht gar nicht anders, es sind ja nur Metadaten, abprallende Photonen, die den Körper kaum berührt haben, Milliarden kleiner farbiger Bällchen, die ich mit meinem Sensor mal eben auffange und nicht mal mit statistischen Methoden systematisch auswerte, so wie die Dienste es mit meinen Verkehrs- und Inhaltsdaten tun.

Wenn der Staat mir durch sein kohärentes Handeln klar macht, dass ich im öffentlichen Raum kein Recht mehr auf Privatsphäre habe - oder sie weitgehend mit technischen Überwachungsmaßnahmen einschränkt - so hat er sich auch daran zu halten und festzustellen, dass er selbst es war, der hier die Voraussetzungen und die generelle Atmosphäre, schließlich auch das Rechtsempfinden im Lauf der letzten 15 Jahre fundamental verändert, ja ins Gegenteil verkehrt hat.

Anmerkung: Ich bin kein Jurist. Aber ich würde mich wundern, wenn die Überwachung des öffentlichen Raums nicht irgendwann auch vor Gericht in einem dieser Medienprozesse eingepreist werden würde. Sie ist der Elefant im Raum.

Anmerkung II: Ja, ich hyperventiliere. So what? Muss auch mal.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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