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Tuesday, January 13, 2015
Lugn Press: Reflexives Unbehagen

Heute wurde "Lügenpresse" zum "Unwort des Jahres" gekürt, dafür gibt es Gründe. Man kann sich über die Pegida-Leute ärgern, man kann sich aber auch die Frage stellen, woher diese Aggression stammt, denn auch wenn sie ultrarechten Organisationen und professionellen Destabilisatoren als Folie dient, so kommt wirklich wirksame Propaganda nicht ohne die unhörbar brummenden Resonanzfelder in den Kulissen der Gesellschaft aus, die ihr als Trägerwellen dienen.

Eine Erklärung dafür wäre, dass die auf manchen Demos geäußerte Verachtung für den Journalismus mit einer tiefer liegenden Krise repräsentativer Institutionen der demokratischen Gesellschaft zu tun hat. Klassischer Journalismus hat viel mit Repräsentation zu tun. Journalisten recherchieren im Auftrag und mit den finanziellen Mitteln der Leserschaft (im besten Fall), sie beziehen für sie gegenüber den Mächtigen Position oder versehen sie mit Informationen, die sie dazu in die Lage versetzen, dies selbst zu tun (im allerbesten Fall). All dies sind seit langem eingeübte Tätigkeiten und Haltungen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft.

Das Internet ist ein Katalysator dafür, dass das System Journalismus, seine Funktionen und Geschäftsmodelle, in jüngster Zeit sehr stark ausdifferenziert und in neue Zusammenhänge gebracht worden sind. Für jede Funktion aus dem Wundertütenmix eines klassischen Mediums scheint es nun ein spezialisiertes Portal oder eine Plattform zu geben, die diese besser erfüllt. Davon sind auch Kerngeschäftsprozesse betroffen, bestimmte Formen von Werbung oder Kleinanzeigen werden wohl nie wieder journalistische Aktivitäten finanzieren.

Das gesellschaftliche Subsystem Journalismus ist zumindest vorübergehend geschwächt, hat weniger Personal, kann weniger tun, obwohl doch in der neuen digitalen Umgebung einfach alles möglich wäre. Die betroffenen Akteure in Redaktionen, Produktion und Management formulieren denn auch ihr Unbehagen über ihre geschwächte Position in der Gesellschaft. Sie sind Profis und tun das laut und gut und gern, sodass es zuweilen den Anschein hat, als kreise die Branche nur noch um sich selbst. Das Publikum interessieren diese Verwerfungen nur bedingt, aber unberührt bleibt davon wohl niemand.

Dazu kommt noch, dass den Rezipienten die Fehler schneller auffallen, die die Journalisten machen - und sie auch die Möglichkeit haben, entsprechende Hinweise selbst zu publizieren, ohne Umweg über einen Leserbriefredakteur. Jeder Mensch mit Internetanschluss hat heute Zugang zu mehr Quellen als ein Profijournalist vor 20 Jahren. Warum sollte man sich also von Journalisten noch repräsentieren lassen müssen? Das fragen sich erst ein paar Fachleute aus, sagen wir mal, IT, Physik oder Chemie, dann breitet sich die Attitüde weiter aus, bis an den Punkt, an dem den einst repräsentativen Vermittlern auch von solchen Akteuren radikal jedwede Kompetenz abgesprochen wird, die eigentlich keine realistische Grundlage für ihre Einstellung aufweisen können.

Den professionellen Journalisten hilft es wenig, sich an Demo-Slogans abzuarbeiten. Besser ist es, sich der eigenen Position und Funktion in der sich schnell ändernden Informationsökologie zu vergewissern, die eigene Selektions- und Vermittlungskompetenz sowie diejenige ihrer Dialogpartner zu erhöhen. Mag sein, dass die große Zeit des repräsentativen Meinens vorbei ist. Zeit zu tiefer Recherche und dazu, systematisch vertrauenswürdige Expertennetzwerke aufzubauen, hat dagegen nicht jeder - denn Zeit und Expertise sind teuer, hier greifen auch heute die Mechanismen der Arbeitsteilung.

Mit harter Arbeit, die nicht immer zum schnellen Erfolg führt, verbunden mit einer gewissen Demut vor dem im Netz sehr häufig auch konstruktiv eingesetzten kollektiven Wissen, wird auch jene Art von fundiertem Selbstbewusstsein generiert, die Vertrauen schafft und Unterstützung für die weitere Arbeit garantiert. Den meisten Journalisten, das unterstelle ich hier, gelingt das ohnehin, auch unter schwierigsten Bedingungen. Allen wird man es natürlich nie recht machen können. Aber das wäre ja auch grauenhaft.

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