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Monday, July 14, 2014
Filterphasen der Kunst

US-Fotokritiker A. D. Coleman geht hart mit der aktuellen Garry-Winogrand-Ausstellung ins Gericht. Sein Argument: Arbeiten, die der Fotograf nicht selbst kuratiert hat, sind nicht dem Corpus seines Werks hinzuzurechnen. Mehr noch: Winogrand selbst habe durch seine Arbeitsweise à la "Fire and Forget" den Werkbegriff selbst entwertet, gemeinsam mit seinen New Yorker Kumpels aus dem Umfeld von MoMa-Fotokurator John Szarkowski, der voll auf Winogrand gesetzt habe und sich seinen Fehler erst gegen Ende eingestehen habe können.

Colemans Angriff ist stellenweise zu polemisch, selbst den späten Winogrand, der sich seine eigenen Bilder nicht mehr ansehen mochte, mit dem Kameraaffen der Letterman-Show zu vergleichen, ist ungehörig. Dennoch stellt er eine wichtige Frage: Welche Eigenschaften machen ein Gesamtwerk aus, das man künstlerisch nennen kann.

Relevant ist die Frage auch deshalb, weil Winogrands Arbeitsweise in der Analog-Ära die heute übliche Strategie in der Digitalfotografie vorwegnimmt. Winogrand sammelt erst manisch und wählt dann aus. Angeblich war ihm das Auswählen gerade zum Schluss hin nicht mehr so wichtig, es reichte ihm offenbar, im Flow zu sein, auf der Straße, in seinem Element.

Die klassische Arbeitsweise in der analogen Fotografie betont fast schon zwangsweise die konstruktiven Aspekte der Arbeit. Die Bildträger sind kostspielig, ihre Verarbeitung zeitintensiv. Der digitale Workflow dagegen betont die Selektion, das Werk wäre dann Ergebnis eines vielstufigen Filterprozesses, eine Art kreatives Destillat.

Der Fotograf trifft eine Serie von Entscheidungen. Geht es nach Coleman, so sollte der Fotograf alle Entscheidungen (oder zumindest wohl die wichtigsten) in der Kette selbst ausführen. Winogrand ist angreifbar, weil er zum Ende hin nur noch fotografiert und nichts mehr ausgewählt hat - damals ein sehr seltener Fall, heute landen wohl viel mehr Bilddateien auf Festplatten, die nie wieder angesehen werden.

Oder doch?

Sind die Reservoirs nicht doch Bildspeicher, aus denen immer neue Selektionen und Sequenzen extrahiert werden können? Hat Winogrand einen Pufferspeicher angelegt, aus dem er sich aufgrund seines frühen Todes schlicht und einfach nicht mehr hat bedienen können? Ist es legitim, wenn andere diese Auswahl treffen? Henri Cartier-Bresson hat schließlich nicht einmal selbst entwickelt und vergrößert und gilt trotzdem als einer der wichtigsten Fotografen.

Noch problematischer wird aus Colemans Perspektive wohl der Fall Vivian Maier liegen. Sogar Maiers Persönlichkeit ist eine Rekonstruktion durch die Recherchen von John Maloof, der ihre Fotografien bei einer Auktion aufgegebenen Hausrats ersteigert hat. Maier hat zwar sehr bewusst fotografiert, viele ihrer Kompositionen sind klassisch streng. Aber, um Colemans Maßstab anzulegen: Sie hat ihren "Body of Work" nicht selbst ausgewählt, ihre "Erzählung" ("Epic") wurde ex post re-konstruiert.

Sind Maiers Fotos nun alle wertlos? Found footage, keine Kunst? Ist nicht sie die Künstlerin, sondern ist es am Ende gar John Maloof, der die Selektion vorgenommen und die Erzählung dazu recherchiert hat? Die digitale Fotografie wird die Zahl dieser Fälle wohl vervielfachen, vorausgesetzt, die Dateien, die heute hergestellt werden, können in ein paar Jahren überhaupt noch gelesen werden.

Am Ende sieht Coleman den Werkbegriff in der Fotografie, die ja in der Regel doch ein mehrstufiger industrieller Prozess mit mehreren Akteuren ist, etwas zu eng, zu binär. Man könnte höchstens fragen, zu welchem Anteil ein Künstler Anteil am Prozess hatte. Das gilt auch für Akteure wie Andy Warhol und andere Großkunstproduzenten mit eigener Fabrik und zahlreichen Assistenten. Wer solche Unternehmen beherrscht, ist sicher kein Kameraaffe.

Es geht wohl nur darum, all diese Prozesse unter Kontrolle zu haben, an manchen Stellen mehr, an manchen weniger, auszuführen braucht sie der Künstler selber nicht. Genau das spricht Coleman Winogrand letztlich ab. Verifizieren lässt sich das nicht. Der späte Winogrand ist jedenfalls, ähnlich wie Vivian Maier, eine kuratorisch gestützte Figur. Dass beide deshalb nichts geleistet hätten, dass sie keine Kunst hergestellt hätten, lässt sich aber nicht behaupten. Schließlich hat der Betrieb sie validiert.

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Last modified: 2/2/20, 12:22 PM
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