textdump
Sunday, June 8, 2014
Nicht das Internet ist pervers, sondern die Situation, in der es existiert

Seit Ende der 1990er Jahre zählt ein Internetanschluss zur Ausstattung besserer Haushalte und fast genauso lange tobt der Kulturkampf zwischen Netzgurus und Internetverlierern und solchen, die gern eins von beiden sein möchten. Von beiden Seiten werden dabei gerne die "disruptiven" Aspekte des Netzes hervorgehoben, seit es das Netz gibt, so singen sie, sei nichts wie zuvor.

Diese Non-Debatte, in der es in erster Linie darum geht, den jeweils anderen mit möglichst grotesken Argumenten zu überbrüllen, deckt die zahlreichen Kontinuitäten zu, die mühelos von der angenommenen Netz- zur Prä-Netz-Ära weiterbestehen. Konzentrationsbewegungen auf Anbieterseite (Amazon, Google, etc.) hat es schon immer gegeben, zuweilen ist der Staat gegen sie vorgegangen, dann wieder nicht, je nach machttechnischer Großwetterlage. Das gilt auch für die Medienbranche, die Fachliteratur ist seit den 1960er-Jahren ein einziges Lamento des Zeitungssterbens, dafür hat man das Internet nicht gebraucht, aber die Großen haben davon fett profitiert, also kam das Thema eben nicht so breit zur Sprache wie heute, da sie selbst von noch größeren Entitäten bedroht sind.

Auch die NSA-Affäre fällt in die Kategorie der Kontinuitäten. Man braucht nur Josef Foschepoths Buch über die Geheimdienstaktivitäten in Deutschland oder Daniele Gansers Werk über die Geheimarmeen der NATO lesen, um zu merken, dass es da schon immer einen ziemlich großen rechtsfreien Raum gegeben hat, in dem Geheimdienste ihr Spiel spielten und in dem nur eins zählte: Rohe Gewalt.

Regelmäßig regen sich auch irgendwelche Protagonisten über böse Kommentare oder Pornos im Netz auf. Überraschung: Beide Phänomene sind bis in früheste Hochkulturen belegt und so langweilig, dass man sich gleich freiwillig wieder mit den ersten beiden beschäftigt.

Dabei stellt man fest: Das Netz ist ein Werkzeug. Und die gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen, die viel Macht und Geld haben, können sich dieses Werkzeugs tendenziell (wenn auch längst nicht immer) nachhaltiger und wirkungsvoller bedienen als die benachteiligten Gruppen.

In den 1990er Jahren sah es so aus, als würden die Konzerne die Nationalstaaten an Macht überflügeln. Die Stellvertreterkämpfe in der IT waren damals die Cryptowars. Es sah so aus, als würden die Unternehmen und Banken diesen Kampf gewinnen, aber der "Deep State" konnte das nicht zulassen und dehnte seine Macht abseits der demokratischen Foren immer weiter aus. Spätestens mit 9/11 war das Spiel dann gelaufen. Der Staat war wieder da, nur eben nicht als der träge und etwas blöde Dumpfmeier, als der er von den Neolibs gerne gezeichnet wurde, sondern als ebenso intelligente wie tödliche Überwachungsmaschine.

Klar, dass sich diese Kämpfe auf das wichtigste Produktions- und Kommunikationssystem ausdehnen, schließlich konzentrieren mussten. Für die totale Überwachung und Konzentration der Wirtschaftsmacht in wenigen Händen ist aber kein Protokollstapel verantwortlich, sondern konkrete Politiker, Unternehmer und Funktionäre.

In einem sozialistischen Utopia (Cybersyn, Stafford Beer, Chile) dient die Kybernetik der ressourcenschonenden Produktion im Rahmen der Planwirtschaft, im Terrorkriegskapitalismus bekommt man eben Geheimdienstherrschaft und staatlich protegierte Konzentration von Wirtschaftsmacht. Die Referenz auf jede Form von Marktwirtschaft kann man dabei ruhig weglassen, denn darüber, ob es unter NSA-Bedingungen überhaupt einen auch nur halbwegs freien "Markt" geben kann, lässt sich bestimmt trefflich streiten.

Was passiert also mit dem Internet? Es knackt manche lokalen Oligopole und ersetzt es durch andere. Es verschärft Konzentrationstendenzen im Kapitalismus. Es arbeitet Kontraste stärker hervor, es macht gnadenlos sichtbar - sogar die NSA und andere Machtinstrumente, weil es sie dazu zwingt, sich zu überdehnen und irgendwann so groß zu werden, dass sie nicht mehr übersehbar sind.

Ist das Internet aber Schuld daran, dass US-Oligopole den von der neoliberalen Politik gewollten Steuerwettbewerb in der EU zu ihrem maximalen Vorteil ausnutzen, jahrelang? Ist das Internet Schuld daran, dass die Geheimdienste mit ihren Datentauschmanövern den Rechtsstaat aushebeln können? Wahre Macht tarnt sich ja gerne als Naturgewalt, als "alternativlos". In Wirklichkeit sind diese Malaisen der reinste Ausdruck der Politik einer Machtelite, die sie will, weil sie daraus konkrete Vorteile zieht. Ob das Trägersystem dafür dann TCP/IP, Minitel oder babylonische Tontäfelchen sind, ist dabei schon fast egal. Die Eigenschaften des Kommunikationssystems sind schlicht weniger relevant als die politische Macht.

Anstatt das Internet zu prügeln (es fühlt nichts, Junge, wirklich nicht), ist es also sinnvoller, die Frage zu stellen, wer von bestimmten regulatorischen Aktivitäten oder Unterlassungen profitiert, wer wo in den Gremien sitzt. Aber das sind ja meistens Figuren, mit denen man sich nicht anlegen will.

Online for 1837 days
Last modified: 1/7/18 2:06 PM
Status
You are not logged in
... Login
E-Books!
Main Menu

Search
Calendar
January 2018
SunMonTueWedThuFriSat
123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031
December
Comments
Reines Archiv Analog braucht das
echt niemand mehr. Komplette Shooting-Ergebnisse liegen digital nach der ersten...
Hendrik Spree (drikkes), 3 weeks ago
we we agree, we agree!
MaryW, 1 month ago
Erfüllen also andere Wünsche. Wenn
Blogs verschwinden: ist der Wunsch nach Kontaktbögen aus der...
Lakritze, 1 month ago
Ich freu mich immer, wenn
sie es wieder in unsere Breiten geschafft haben. Ein...
gHack, 7 months ago
P.S. Supertolles Foto
bubo, 7 months ago
Genau. Dokumente gegen die
Impertinenzen der restlichen Welt.
bubo, 7 months ago
Zum Beispiel, dass die
beiden hier unzertrennlich zu sein scheinen.
gHack, 7 months ago
Ich auch, ich auch. Aber
wer weiss wozu Ihre zufälligen Beobachtungen gut sein können...
bubo, 7 months ago
Ich bin ja nicht
Profi, ich geh ja nur spazieren.
gHack, 7 months ago
Groß! Aber sagen
Sie mal, hier sollten Sie mal tätig werden http://www.ornitho.at/index.php?m_id=5&sp_DOffset=5
bubo, 7 months ago
Eher: Lange Brennweite plus
dichtes Unterholz. Man will ja nicht stören.
gHack, 7 months ago
hui! (und
so dicht dran noch dazu)
p.m., 7 months ago
Sie akklimatisieren sich gerade.
gHack, 8 months ago
die Ammer denkt: der
Spint
bubo, 8 months ago
I appreciate this very
much
bubo, 8 months ago
Toll!
goncourt, 8 months ago
Ja. Nichts bleibt, wenn
wir nicht dafür sorgen, dass es weitergeht.
gHack, 10 months ago
Kommt mir irgendwie geläufig
vor…
tobi, 10 months ago
Man muss sich ja dauernd
um die Systeme kümmern. Entweder Archive.org saugt es ab...
gHack, 10 months ago
D.h. der Long Tail
ist Geschichte?
tobi, 10 months ago
Klar geht das wieder auseinander,
aber ich meinte in erster Linie diesen starken Sog...
gHack, 10 months ago
Hmm, da bin ich nicht
so sicher. Sites wie http://www.wikia.com/fandom erfreuen sich doch schon...
tobi, 10 months ago
Hier noch nicht so
stark verbreitet.
gHack, 11 months ago
prefering the queue at
the selbstscannerkasse.
garbageman, 11 months ago

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher