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Sunday, March 9, 2014
Shades of William Burroughs

Für meinen Burroughs-Schwerpunkt zum 100. Geburtstag des Schriftstellers habe ich zuvorderst zwei Quellen ausgewertet: "Literary Outlaw" von Ted Morgan und "Bericht aus dem Bunker" von Victor Bockris. Die neue Biographie von Barry Miles, "Call Me Burroughs" hatte ich bestellt, sie war aber nicht rechtzeitig eingetroffen. Nun habe ich auch sie gelesen.

Welche der beiden großen Biographien, die ältere von Morgan (1988) oder die jüngere von Miles (2014) sollte man lesen? Wenn man Fan ist, stellt sich die Frage nicht. Aber selbst (oder gerade wenn) man kein Burroughs-Anhänger ist, so lässt sich feststellen, dass sein Lebenslauf an und für sich mindestens so interessant und spannend ist wie seine literarische Produktion.

Kurze Antwort: Die Biographie von Morgan ist besser geschrieben und kurzweiliger, sie liest sich wie ein Krimi und der Leser weiß hinterher nicht nur Bescheid, er hat einen Hauch von Burroughs' Ära erspüren können, St. Louis, Chicago, New York, die wahnsinnigen Beats, Tanger, London, der Bunker, alles da. Allerdings erschien die Morgan-Biographie noch vor Burroughs' Tod, sie wurde nachher um einige Fakten ergänzt, viel an relevanter Substanz fehlt allerdings nicht.

Barry Miles, alter Weggefährte von Burroughs aus dessen Londoner Zeit, hatte Zugriff sowohl auf Morgans Material als auch auf das Archiv von James Grauerholz, dem engsten Mitarbeiter des Schriftstellers. Grauerholz, so erzählt Miles, habe selbst eine Burroughs-Biographie schreiben wollen und dafür viel Material gesammelt, er habe aber nicht die Zeit gefunden, sein Projekt zu vollenden.

Miles wiederum hatte bereits einen Einführungstext über Burroughs verfasst und schon in den 1970er Jahren dabei geholfen, das Archiv des Autors zu ordnen, als dieser es verkaufen wollte. Das Resultat seiner Arbeit ist beeindruckend. "Call Me Burroughs" ist das Standardwerk, sauber versehen mit Quellenangaben, präzise und intelligent gegliedert, aber eben in seiner wissenschaftlichen Detailfülle nicht so süffig wie Morgans Arbeit, die aber auch nach anderen Gesichtspunkten verfasst wurde.

Miles weiß mehr als Morgan, kritische Episoden in Burroughs' Leben sind bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Es gelingt Miles auch wesentlich besser als Morgan, Leben und Werk zueinander in Beziehung zu setzen, so zeigt er geschickt, welche Personen aus der Entourage des Autors wann und wo in den publizierten Texten als Figuren wieder auftauchen. Andererseits hindert der Detailreichtum den Leser oft daran, die Person Burroughs aus dem Datenmaterial für sich selbst zusammenzusetzen. Die Synthese gelingt Morgan besser.

Es gibt auch einen Aspekt in Burroughs' Leben, den Morgan besser und detailreicher dargestellt hat als Miles. Morgan befasste sich nämlich auch mit dem Leben von Burroughs' Sohn Billy Jr., der in Alkohol- und Drogensucht abglitt und es nie schaffte, zu seinem Vater eine bedeutungsvolle Verbindung herzustellen, obwohl es an entsprechenden Versuchen von beiden Seiten nicht gemangelt hat. Die Beschäftigung mit Billy bringt die wohl hässlichste Seite an Burroughs zum Vorschein. Während er stets von seiner Familie unterstützt wurde, schaffte er es nur selten, seinen Nächsten etwas zurückzugeben. Miles lässt hier viele Details aus, die man nur bei Morgan findet.

Lesenswert sind beide Bücher. Wer gut unterhalten werden will, greife zu Morgan, wer alle Details will oder braucht, kaufe den Miles.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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