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Saturday, November 16, 2013
Skeuomorph Government

In Software Takes Command erzählt der russischstämmige US-Künstler und Medientheoretiker Lev Manovich die Geschichte der Mediensoftware, also von Programmen, die zur Herstellung, Verbreitung und Wiedergabe von Medienprodukten geschrieben wurden. Das Buch ist auch in einer Open-Access-Version erhältlich. Manovich weist schon zu Beginn darauf hin, dass unsere heutigen digitalen Mediensysteme in vielerlei Hinsicht Produkte einer langen Kette metaphorischer Missverständnisse sind. Die Schwierigkeiten hätten schon im Xerox PARC angefangen, bei Herstellung des Alto, des Urahns der heutigen Computer. Um den Umstieg auf das "Metamedium" Computer zu erleichtern, seien die Programmierer und Designer zu viele Kompromisse eingegangen und hätten mit "Desktop" und "Dokumenten" eine schädliche Metaphorik begründet, die bis heute nachwirke.

In jüngerer Zeit arbeitete sich die Designkritik etwa eines Bruce Sterling am Begriff "Skeuomorph" ab, der überflüssige und überzogene Simulationsmanöver in digitalen Produkten bezeichnet, etwa das "Umblättern" von "Seiten" in Apples iBook-Anwendung. Der Unterschied zwischen dem "skeuomorphen" Ansatz und einer Vorgehensweise, die dem vernetzen Computer als Mediensystem gerecht wird, ist nicht schwer darzustellen. Jeder kennt die Präsentationsprogramme PowerPoint und Prezi. Powerpoint imitiert eine Diashow, Prezi verwendet das Konzept des "Infinite Canvas", das übrigens auch der Comic-Theoretiker Scott McCloud für digitale Arbeiten bevorzugt.

McCloud meint, man müsse sich als Gestalter entscheiden, ob man mit der Seitenmetapher oder mit dem Bildschirm als Fenster auf die "unendliche Leinwand" arbeiten wolle. Manovich wiederum nennt als große Stärke des Computers, je nach Bedarf mehrere Ansichten (Views) von Datenbeständen präsentieren zu können. Das Fließende, das Unendliche, die wechselnden Perspektiven, das sind die Eigenschaften des Netzes.

Bei der Manovich-Lektüre stellt man unweigerlich Vergleiche an, die über die reine Mediensoftware hinausgehen. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob wir nicht bei der Digitalisierung anderer Bereiche in dieselbe Falle getappt sind. In der Wissenschaft oder beim E-Government, etwa. Kann man sich nicht das digitalisierte Staatswesen als Blatt Papier vorstellen, als Formularblock mit festen Grenzen und einer starken inneren Ordnung? Führt dann nicht die Logik unmittelbar weiter zu verkrüppelten zwangslokalisierten Lösungen wie nationalen Netzwerken und virtuellen Aktenordnern für jeden Bürger?

Und schließlich: Ist nicht die NSA mit ihrem natürlich-konnektionistischen Imperialismus die erste nationalstaatliche Großorganisation, die all diese Grenzen und Metaphern geknackt hat, indem sie sich überall in die Schnittstellen gezwängt hat, und damit operativ viel erfolgreicher ist als der oben beschriebene Ansatz? Die NSA ist alles mögliche, sie ist aber nicht skeuomorph, sie ist eine der wenigen staatlichen Organisationen, die konnektionistisch denkt wie Google und andere netzwerkbasierte Firmen. Sie kontrolliert die Schnittstellen, generiert immer neue Views auf das abgezogene Datenmaterial, lässt zugreifen, wo sie es für angebracht hält. Ansonsten gilt: Light touch. Sieht so nicht der Staat der Zukunft aus? Entgrenzt, von schwachem Regelsatz getrieben, aufs nackte Eigeninteresse des Apparats fixiert?

Von postnationalistischen Gedanken abgesehen, scheint es trotzdem nicht verkehrt, die vorliegenden Prozesse in Staat und Unternehmen daraufhin zu prüfen, ob sie skeuomorph sind - also nur die Vorgehensweisen der analogen Welt abbilden - oder nicht. Schon anhand dieser Unterscheidung wird es klar, dass Open-Data-Initiativen notwendig sind. Erst sie ermöglichen es, Daten zu neuen Views, zu neuen Aussichten zu verknüpfen. Mit dem Bild der Verwaltung von sich selbst wird sich dann unweigerlich auch das Selbstbild des Gemeinwesens ändern. Daran können auch gewalttätige avantgardistische Geheimdienstaktivitäten nichts ändern. Sie sind nur das Negativ zum Positiv, das sein muss und kommen wird.

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Last modified: 2/2/20, 12:22 PM
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