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Friday, October 11, 2013
Die NSA als Beobachter zweiter Ordnung

Vorhin kurz darüber nachgedacht, was sich mit den Snowden-Enthüllungen auf Ebene dessen geändert haben könnte, was man als Netztheorie bezeichnen mag. Ich schrieb, Snowden habe die Netztheorie geläutert, was nun davon übrigbleibe, sei gültig, der Rest aber verbrannt. Irgendwo hat mal jemand die NSA mit einer Art Gottkomplex verglichen oder ihr einfach unterstellt, einen solchen zu haben, aber das ist letztendlich Quatsch und führt direkt in eine andere Art von Obskurantismus, in die Mystifizierung eines opaken Apparats ohne bekannte Absichten.

In der Denktradition, in der ich mich verorten würde, also in einer Art locker gemachter Kybernetik, würde man die Operation der NSA und ihrer verbündeten Geheimdienste als Einführung eines Beobachters zweiter Ordnung bezeichnen, also einer Instanz, die die Beobachter beobachtet, noch über den Sysadmins steht, die den Laden am Laufen halten.

Ein Eingeborener könnte das schon so erleben wie eine Begegnung mit Gott.

Tatsächlich aber ist die Beobachtung zweiter Ordnung laut, sagen wir mal, Luhmann oder Maturana, auch nur eine Beobachtung, halt eine Beobachtung der Beobachter. Schlägt man das Stichwort in einem alten Metasystemtheoriebuch nach, etwa in "Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme" von Georg Kneer und Armin Nassehi, dann kommt man schnell auf zwei Punkte:

1. Ein Beobachter zweiter Ordnung kann sich nicht selbst beobachten. (Autokorrektur ist schwierig, wenn nicht unmöglich.)

2. Für den Beobachter zweiter Ordnung gilt dasselbe wie für den Beobachter erster Ordnung: Eine Beobachtung ist eine Operation anhand einer Entscheidung. Diese Entscheidung ist gleichzeitig der "blinde Fleck" des Beobachters, er ist an die Unterscheidung gebunden, will er seine Arbeit fortsetzen. Also hat auch der Beobachter zweiter Ordnung einen blinden Fleck und der ist seine eigene Mission. Kneer/Nassehi: "Der blinde Fleck ist sozusagen sein Apriori."

3. Ohne Beobachter erster Ordnung ist der Beobachter zweiter Ordnung nichts. Und da er selbst nach demselben Prinzip funktioniert wie ersterer, "besteht zwischen beiden kein hierarchisches Verhältnis" wie es Kneer und Nassehi ausdrücken.

Welchen Vorteil hat nun der Beobachter zweiter Ordnung? Er kann aus der Beobachtung der Beobachtung lernen und "reflexive Einsichten für die eigene Beobachtung" daraus gewinnen. Der Beobachter zweiter Ordnung sieht also die "blinden Flecken" der anderen. Nur den eigenen, den sieht er nicht.

Was ist nun die Leistung Snowdens? Er hat einem weiteren Kreis potenzieller Beobachter ermöglicht, gegenüber der NSA zu Beobachtern zweiter Ordnung zu werden. Ich zitiere, weil es so schön passt, Kneer und Nassehi:

"Begibt man sich von der Beobachtung erster Ordnung zur Beobachtung zweiter Ordnung, beobachtet man also, wie andere Beobachter beobachten, so führt dies [...] zu einem radikal gewandelten Welt-, Seins- und Realitätsverständnis."

Der Schock der Enthüllung birgt also die einzigartige Chance einer Metaanalyse unserer eigenen Operationslogik. Die Netztheorie, die vorher eindimensional mit spätanthropologischen Erklärungsmustern ("Communities", "Conversations", Identitätsblabla und Anonymitätsgemauschel) vor sich hingewurstelt hat, kann nun, dank Analyse der Operationslogik der NSA, selbst-bewusst werden.

Alles klar? Wir müssen denken. Weiterdenken.

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