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Thursday, August 15, 2013
Schreiben für die NSA

Der neue Kontrollstaat, der an Stelle der bürgerlichen Gesellschaften des späten 20. Jahrhunderts getreten ist, entwickelt eine neue Kunst und eine neue Ästhetik, die in den Eigenschaften seiner Produktionsmittel gründet. Wie sieht eine zeitgemäße Geheimdienstzentrale aus? Bevorzugt die administrative Elite des Kontrollstaats Malerei oder Fotografie? Was finden leitende Google-Mitarbeiter schön?

Und schließlich: Was bedeutet es für die Literatur, wenn Automaten mehrerer Geheimdienste ständig mitlesen? Schon heute werden neue Texte in der Regel im Netz publiziert und unterliegen damit der Kontrolle durch die Software mehrerer Behörden. Maschinen beherrschen keine Ironie, Text ist für analytische Systeme im Semantic Web nichts anderes als Code, Literatur ist für sie Wirklichkeit, die absolute, einzige Wirklichkeit – solange keine zusätzliche Metadatenebene eingezogen wird, die beispielsweise ein bestimmtes Medienobjekt als der Belletristik zugehörend oder eine einzelne Passage als ironisch klassifiziert.

Schreiben für die NSA bedeutet, dass es keine Zweideutigkeiten geben darf, denn diese könnten die falsche Sorte automatischer Aufmerksamkeit erregen. Totalitäre Systeme fordern immer Eindeutigkeit, sie arbeiten gegen Zwischenräume und Ambivalenzen, denn diese weisen auf Alternativen hin und Alternativen zum offiziellen Text, zur Supererzählung, darf es nicht geben. In der Kommunikation mit Menschen, zu denen auch die menschlichen Zensoren gehören, ist es nicht möglich, diese Ambivalenzen vollends auszuschalten. Beim Verfassen von Texten für Maschinen aber schon, vorausgesetzt, man weiß, wie die Maschine programmiert ist, auf welche Stichwörter und Kombinationen sie reagiert. Es ist besser, anonym zu schreiben, solange es noch geht. Und wenn es nicht mehr geht, ist es klug, die Verantwortung für den Text abzustreiten. Schreiben für die NSA bedeutet Abschied von der Autorschaft, wenngleich auch anders, als Roland Barthes sich das vorgestellt hat.

Der Geheimdienst war schon immer nah am Text, hat diesen aber als schützendes Rauschen behandelt, das die eigentliche Botschaft verschleiern sollte. Das einzige, was ihn am Text wirklich interessiert, sind seine mathematischen Eigenschaften. Also wird er in einem gegebenen Textkorpus immer nach der eigentlichen Botschaft suchen, die freilich zwischen den Worten zu finden wäre, in der berüchtigten Differenz. Auch Differenz ist also zu vermeiden, sie ist in ein feinkörniges Muster aufzulösen.

Schreiben für die NSA ist wie das Verfassen eines Nouveau Roman für eine Wittgensteinmaschine: Das ist ein Tisch. Ein Mensch sitzt am Tisch. Die Sonne scheint. If... Then! Die Fragmente – eine fließende Erzählung kann unter solchen Rahmenbedingungen nicht entstehen – müssen dann in Metadaten gekapselt werden. Das menschliche Schreiben, so könnte man meinen, nähert sich in der Konfrontation mit den Filtern und Analysemethoden der NSA den Programmiersprachen an; es muss ja so sein, denkt der Initiierte, weil die NSA der erste Leser und der letzte Kritiker jedes Texts sein wird und es wichtig ist, einen guten ersten Eindruck zu machen.

Ganz im Gegenteil.

Schreiben als Code ist das Merkmal von Literatur, die in einer traditionellen Diktatur verfasst wird, dort aber auf Veröffentlichung hoffen darf. Unter dem Kontrollstaatsregime darf (und sollte sogar!) alles immer sofort veröffentlicht werden, damit es zur Auswertung bereitsteht. Im Schreiben mathematische Verfahren anzuwenden, Googlepoesie, Aleatorik, das alles ist zu offensichtlich, zu plump, kein Algorithmus würde das gern lesen und seinem menschlichen Administrator weiterempfehlen.

Nur Menschen dürfen für die NSA schreiben, denn Schreiben ist eine Demutsgeste der Intelligenz, seit altägyptischer Zeit beugen sich die Gelehrten und Verwalter über ihre Medien und damit vor der Macht. Sie müssen zeigen, dass sie die Regeln kennen, dass sie sich der Macht bewusst sind und sich ihren Launen unterwerfen. Schreiben für die NSA ist eine repetitive Geste der Anerkennung, ein Schreiben für einen Apparat, für den totalen Kritiker, wobei alles so menschlich wie möglich zu sein hat: Facebookpostings und Herzchen, Katzenfotos und echter, sorgfältig destillierter Hass. Je direkter die Emotionen, desto besser, denn sie müssen die weite Distanz vom Subjekt zur Herrschaft überbrücken, die Herrschaft schätzt die Nähe nicht, will aber trotzdem wissen – das Paradox, aus dem das Konzept Geheimdienst erst entwächst.

Die Herrschaft im Kontrollstaat, NSA, Banker, Quants in Megakonzernen, Horden anderer sportlicher Bürokraten, will kein zusammenhängendes Opus, sie fordert Fragmente und Reaktionen, Schwärme zucken nach links, dann nach rechts, tanzen der Analytik etwas vor und simulieren dabei mathematisch relevante Bewegungen. Schreiben für die NSA ist das Libretto für ein Schmierentheater der Chaostheorie, ein beschwipster Walzer für Szientisten, die Datenbanken für die höchste Ausprägung der Wissenschaft halten.

Die einzige Sünde in diesem Szenario ist das Schreiben für sich selbst. Schreiben für sich selbst bedeutet, dem Kontrollstaat die Filterfunktionen im eigenen neuronalen Netz zu verweigern, die NSA zwar zu kennen, sie aber nicht zu spiegeln – eine Kunst, die höchste Disziplin verlangt und damit eine Strategie des Überwachungsstaats Foucault'scher Prägung gegen die Mechanismen des Kontrollstaats setzt. Der Überwachungsstaat sagt: Tu, was ich will, sonst! Der Kontrollstaat sagt: Hier ist dein Gehege, mach dich locker, wir brauchen dich nur als Dekoration, als Teil des Hintergrundrauschens. Es ist egal, was du sagst, es hat nur Konsequenzen für Leute, die du nicht kennst.

Die Rinderbaronstrategie des Kontrollstaats führt zum Schwinden einer wichtigen Ressource: Der Urgenz. Wer noch im alten Regime geschrieben hat, der wusste, dass er ein Risiko eingeht, riesige technische und organisatorische Hürden überwinden musste, um einen Text auf den Weg zu bringen, der auf Resonanz stoßen würde. Das Gefühl dabei: Wenn ich das nicht schreibe, dann macht es niemand, dann kommt dieser Text nicht ans Licht. Das Gefühl heute: Alle machen irgendwas, aber es ist egal, die Macht hat sich abgekoppelt, Text ist wirkungslos, nur noch Automaten lesen ihn. Der Kontrollstaat ist ein Spielplatz unter Chloroform, in dem jede Aktion ohne Konsequenzen bleibt, in dem jede Störung sofort beseitigt und Spannung als Kontraproduktiv begriffen wird, eine einzige graue Wolke der Ödnis, ohne Perspektive für die Betäubten. Dagegen gilt es, zuallererst eine Geste für sich selbst zu setzen: Einen Strich in den Sand zeichnen, sagen: Das ist mein neuer Horizont.

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