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Sunday, February 10, 2013
Das Buch als limitiertes Objekt

Gestern kam auf G+ eine Diskussion mit M. Goncourt über die gezielte Verknappung von Fotobüchern auf, die uns beiden auf die Nerven geht, weil wir uns eher für Inhalte und Dramaturgie als fürs Sammeln interessieren, der Markt aber zunehmend auf wohlhabende Sammler ausgerichtet ist. Mein erster Gedanke dazu:

Vielleicht eine Reaktion auf die Digitalisierung, dass eine Vervielfältigungstechnik wie der Druck plötzlich primär zur Herstellung künstlich verknappter Objekte eingesetzt wird, dass das Limitierte oder die Erstauflage wichtiger wird als die Möglichkeit, vielen Menschen den Inhalt mitzuteilen.

Ich nehme an, das gilt nicht nur für Fotobücher. Das Buch erfährt also, konfrontiert mit dem Aufstieg der E-Books, einen Wandel. Es wird vom Trägerartefakt eines technischen Verbreitungssystems zum kunstnahen Fetischobjekt, zum Selbstzweck. Mag sein, dass damit sogar die handwerkliche Qualität steigt, wie man bei den führenden Fotobuchverlagen beobachten kann: Druck und Verarbeitung sind bei japanischen und deutschen Häusern in der Regel nicht nur exzellent, sondern geradezu sublim. Der Vergleich mit Renaissancebewegungen des Handwerks um 1900 drängt sich auf, vor allem William Morris kommt einem schnell in den Sinn, nur dass die erzieherischen Aspekte vollkommen fehlen, höchstens implizit zu finden sind.

Die Digitalisierung des Medienobjekts "Buch" wird unsere Gesellschaft zweifellos tiefgreifend verändern, schließlich sind unsere wichtigsten Steuerungsprogramme nach wie vor Texte, von der Bibel über "Das Kapital" bis hin zum Acquis Communautaire - nicht etwa Musikstücke oder audiovisuelle Konstrukte. Was passiert, wenn das wichtigste Textformat sich auf seinen Objektcharakter zurückzieht? Aus konnektionistischer Perspektive verliert es damit an Wirksamkeit. Wird das E-Book, das kein Buch ist, nicht einmal das Gespenst eines Buchs, seine Funktionen ersetzen können? Wahrscheinlich schon, aber Teil der außerordentlichen Macht des Buchs erwächst ihm aus seinem Objektcharakter, der nun zum Fetisch regrediert.

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Last modified: 2/2/20 12:22 PM
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