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Wednesday, March 22, 2017
Lüge als Magie

Der Ökonom Alexandre Delaigue schreibt in der "Libération" unter dem Titel "Ökonomie der Scham(losigkeit)", die Scham funktioniere als Regulierungsmechanismus, der dann eingreife, wenn Gesetze und Markt versagt haben. Die Scham sei aber weitestgehend aus dem politischen Leben verschwunden. Weder Trump noch Fillon oder Marine Le Pen hätten angesichts ihrer diversen Skandale irgendeine Form von Scham gezeigt - und damit durchaus Erfolg gehabt (bisher jedenfalls).

Das deckt sich mit dem schönen Satz aus Godards "Film Socialisme": "Aujourd'hui, les salauds sont sincères."

Strategisches Lügen spekuliert mit dem "Long Tail", mit dem Aufbau einer altenativen Realität, also mit Strukturen - unter Rückgriff auf sozialpsychologische Konzepte wie das der kognitiven Dissonanz oder neuronaler Strukturbildung durch rhythmisch optimierte Wiederholungsmuster.

Strukturen auflösen soll dagegen die Strategie der Superposition Politics. In diesem Szenario vertritt ein Akteur je nach aktueller Zielgruppe mehrere teils gegensätzliche Ansichten gleichzeitig.

Diese Kommunikationspraktiken bereiten das Feld für eine Politik, die "postfaktisch" (etc. pp ad inf.) aussehen mag, dies aber keineswegs ist, also der von Trump und Kollegen. Wenn es um Trump, Bannon und deren semi-intellektuelle Berufsphantasten geht, dann bewegen wir uns mittlerweile recht sicher auf dem Gebiet des magischen Denkens. Die einen referenzieren dabei Lovecraft; mir kommen dabei eher die Ansichten William S. Burroughs' in den Sinn, für den Sprache sowas wie ein Medikament oder ein Virus war, also etwas Handfestes, sehr wohl ein Faktum.

Wenn es um Trump, Spicer und Konsorten geht, dann bewegen wir uns also jenseits des Konstruktivismus, auf wesentlich älterem, archaischem Territorium. Ein Trump-Tweet ist ein Kommando, man könnte auch sagen: Ein Zauberspruch. Zaubersprüche haben keinen Inhalt, den man rational lesen könnte ("Abra Kadabra"), sondern nur eine Wirkung unmittelbar im Moment, und zwar zu einem bestimmten Zweck. Sie sollen beruhigen, aufhetzen, bestätigen. William Gibson schrieb schon in der Neuromancer-Trilogie von Voodoo-Gottheiten im Netz, die pragmatisch im Auftrag ihrer Gläubigen bestimmte Jobs erledigen sollten. Genau so rufen die Trumps bestimmte ideologische Muster als Makros ab.

Der Inhalt bleibt nicht zurück, sondern nur das ausgelöste Gefühl. Damit operieren die Zauberer, besser: die Trickster, auf einer sehr tiefen, basalen Ebene. Das analytische Denken spielt überhaupt keine Rolle mehr, es wird beiseite gelassen, man arbeitet nur noch mit dem Emotionalen. Das alles unter der Annahme, dass Aufklärung im Angesicht der Macht/Gewalt keine Rolle spielt und es den Gegner Ressourcen und Kraft kostet, die Lügen zu widerlegen. Der Trickster denkt nicht ans Morgen, der Spruch soll JETZT wirken, in einer Stunde sieht die Welt schon wieder völlig anders aus, daher ist auch das Archiv, vormals die angeblich wichtigste Waffe der Journalisten, zunächst einmal (!) im Augenblick (!!!) wertlos.

Die möglichen Gegenmaßnahmen sind so öde wie offensichtlich:
a) Selbst im Kontext des magischen Denkens operieren.
b) Stur weiter Aufklärung betreiben.

Eigentlich geht nur b), weil mit a) wird man selbst zur Drecksau.

Die Magie wirkt auf den Trickster zurück. Die Sprüche beruhigen zuallererst ihn selbst, auch er will sie hören, ihre Macht spüren. In dieser Phase beginnt der Trickster die Kontrolle zu verlieren. Die Makros werden nicht mehr richtig abgespult, die Rezipienten stumpfen ab, desinteressieren sich, kommen vielleicht sogar dahinter, rappeln sich wieder aus der Trance auf.

Lüge als Magie... Das ist eine Macht, die gerade die smarten Kommunikationsprofis der Sprache überhaupt nicht mehr zutrauen. Und gerade deshalb werden die Old-School-Ganoven von ihr überwältigt.

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Last modified: 6/18/17 9:13 PM
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Comments
Ich freu mich immer, wenn
sie es wieder in unsere Breiten geschafft haben. Ein...
gHack, 2 months ago
P.S. Supertolles Foto
bubo, 2 months ago
Genau. Dokumente gegen die
Impertinenzen der restlichen Welt.
bubo, 2 months ago
Zum Beispiel, dass die
beiden hier unzertrennlich zu sein scheinen.
gHack, 2 months ago
Ich auch, ich auch. Aber
wer weiss wozu Ihre zufälligen Beobachtungen gut sein können...
bubo, 2 months ago
Ich bin ja nicht
Profi, ich geh ja nur spazieren.
gHack, 2 months ago
Groß! Aber sagen
Sie mal, hier sollten Sie mal tätig werden http://www.ornitho.at/index.php?m_id=5&sp_DOffset=5
bubo, 2 months ago
Eher: Lange Brennweite plus
dichtes Unterholz. Man will ja nicht stören.
gHack, 2 months ago
hui! (und
so dicht dran noch dazu)
p.m., 2 months ago
Sie akklimatisieren sich gerade.
gHack, 3 months ago
die Ammer denkt: der
Spint
bubo, 3 months ago
I appreciate this very
much
bubo, 3 months ago
Toll!
goncourt, 3 months ago
Ja. Nichts bleibt, wenn
wir nicht dafür sorgen, dass es weitergeht.
gHack, 5 months ago
Kommt mir irgendwie geläufig
vor…
tobi, 5 months ago
Man muss sich ja dauernd
um die Systeme kümmern. Entweder Archive.org saugt es ab...
gHack, 5 months ago
D.h. der Long Tail
ist Geschichte?
tobi, 5 months ago
Klar geht das wieder auseinander,
aber ich meinte in erster Linie diesen starken Sog...
gHack, 5 months ago
Hmm, da bin ich nicht
so sicher. Sites wie http://www.wikia.com/fandom erfreuen sich doch schon...
tobi, 5 months ago
Hier noch nicht so
stark verbreitet.
gHack, 6 months ago
prefering the queue at
the selbstscannerkasse.
garbageman, 6 months ago
!
exdirk, 7 months ago
True!
gHack, 7 months ago
Zahlensender: Berauschender Vergleich!
libralop, 7 months ago

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