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Saturday, March 4, 2017
Was ich von Armin Medosch gelernt habe

Zum ersten Mal gesehen habe ich Armin Medosch 1999 in Berlin, auf Volker Grassmucks Open-Source-Konferenz "Wizards of OS" im Haus der Kulturen der Welt. Ich sagte kurz "Hallo", stellte mich vor und gab ihm die Hand, dann gingen wir wieder unserer Wege. Mehr war nicht nötig, denn wir kannten uns ja schon aus dem Netz, aus dem Forum von Telepolis, das Ende der 1990er Jahre eine ähnliche Funktion erfüllte wie heute Twitter, ein Ort, an dem laute Menschen über Dinge diskutierten, die irgendwie wrong on the Internet waren. Die Autoren von Artikeln lasen damals noch im Forum, diskutierten mit und irgendwann wurde ich vom Forentroll zum Schreiber befördert, wahrscheinlich weil ich damals einfach drauf war, auf dem Netz.

Am Anfang habe ich nicht selbst geschrieben, sondern vor allem übersetzt, Armin oder Florian Rötzer schickten mir nachts irgendeinen Text und ich drehte ihn durch die Mühle und schickte ihn schnell wieder zurück und sie stellten ihn online, immer rasend schnell, meist ohne lange Nachfragen. Es gab sogar Geld dafür. Wie Armin und Florian war auch ich vor allem für hohe Geschwindigkeit und Unmittelbarkeit. Wenn ich einen Text an Armins Easynet-Adresse schickte, dann konnte ich davon ausgehen, dass innerhalb von fünf Minuten eine Antwort kommen würde, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.

Der Veröffentlichungsrhythmus bei Telepolis war damals brutal, allen war klar, dass das Angebot ständig aktualisiert werden musste, um als lebendig wahrgenommen zu werden. Auch daraus ergab sich eine Urgenz, die heute vielen Medien fehlt: Wenn wir nicht über netzpolitische Vorgänge berichten würden, dann würde das außerhalb obskurer Mailinglisten und eher dumpfer Jubelmedien niemand tun. Christiane Schulzki-Haddouti und Erich Möchel lieferten mit den ENFOPOL-Papieren den beeindruckenden Beweis, dass investigativer Journalismus auch in einem rein netzbasierten Medienprodukt funktionieren konnte. Just als ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, dass es Telepolis ganz am Anfang ja auch als Heft gegeben hat, im DIN-A5-Format, die wenigen Ausgaben stehen noch bei mir ganz hinten im Regal, zwischen "Wired"-Styleguide und dem "Netizens"-Buch der Haubens. Telepolis zeigte in vielerlei Hinsicht, wie Onlinejournalismus funktionieren und dysfunktionieren würde. Auch als es 2002 crashte und Armin aussteigen musste, war es seiner Zeit voraus.

Man könnte jetzt Bilanzen ziehen, über den Zustand der Netzpolitik und des Journalismus, über die Tragik der ersten Netzgeneration in Deutschland, ihre Träume und Hoffnungen und windschiefen Non-Karrieren und so weiter. Oder man könnte eher wie Armin denken und die Situation produktiv machen. Ich kann das nur tun, indem ich versuche, von ihm zu lernen und das aufzuschreiben, was mir dazu auffällt. Denn wenn ich es aufschreibe, dann setze ich schon eine Aktion, einen ersten Schritt.

Das alles ist jetzt 20 Jahre her und die Überwachungs- und Kontrollphantasien der diversen Dienste, die damals nur in vagen Umrissen erkennbar waren, liegen nun ausgebreitet vor uns, sind sowohl zentrales Geschäftsmodell als auch Staatsdoktrin der Netzwerkgesellschaft. Leute wie Armin wussten natürlich, dass autonome Zonen immer nur temporärer Natur sein können, auch wenn die im Netz vergleichsweise lange stabil gewesen ist, oder zumindest diesen Anschein erwecken konnte. Ich glaube, dass es Armin Medosch immer um diese Zonen der Freiheit gegangen ist, und um Techniken - nicht: Technologien -, mit denen diese ausgeweitet werden konnten. Vielleicht oszillierte er deshalb immer zwischen mehreren Identitäten gleichzeitig, von denen meist schon eine einzige aufrechtzuerhalten weniger begabte Zeitgenossen schon vollkommen in Beschlag genommen hätte.

Die erste persönliche Lektion, die ich aus Armins Leben gezogen habe, besteht darin, dass es wichtig ist, immer offen zu bleiben, auch für Spinner. Ich war ein Troll, er machte mich zum Mitarbeiter. Zweite Lektion: Leute zusammenbringen, um gemeinsam etwas zu machen, einen Freiraum zu schaffen und zu stabilisieren, in dem neue Ideen und Praktiken ausprobiert werden können - denn Theorie ohne Praxis ist nichts, Praxis ohne Theorie nur öde. Man erntet zusammen Tomaten auf dem Feld. Das ist dann keine Arbeit, sondern eine Aktion, deren Ergebnis gemeinsam in Form einer Tomatensoße gleich darauf genossen wird. Man könnte Armins Strategie als angewandten Tom-Sawyer-Konstruktivismus bezeichnen, erweitert allerdings um eine zuverlässige Gegenseitigkeit. Dritte Lektion: Geschichte lernen. Das schönste Projekt der Gruppe Technopolitics war in meinen Augen die Timeline, ein Kondensat von geschichtlichen Ereignissen der Netzwerkgesellschaft. Beim Betrachten der Timeline springt gleich Lektion vier ins Bewusstsein: Die Macht steckt im regulatorischen Detail, es lohnt sich, vermeintlich langweiligen Dingen nachzuspüren.

Armins letztes großes persönliches Projekt war seine Dissertation über die jugoslawische Computerkunstgruppe New Tendencies. Das daraus entstandene Buch, bei MIT Press erschienen, ist eine Verdichtung seines intellektuellen Vermächtnisses, gleichzeitig die Expansion einer vermeintlich marginalen Ideenwelt von fast schon vergessener Brillanz. Er folgt damit einem Diktum von Gilles Deleuze, der gerne den Weg "schwacher" Traditionen nachzeichnete, gerade dort das Material für Strategien der Widerständigkeit, der Freiheit fand. Wenn Armin es nicht aufgezeichnet hätte, dann hätte es niemand getan. Bleibt die letzte Lektion: Das eigene Gefühl für die Urgenz wiederfinden und weitermachen.

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Last modified: 3/23/17 11:56 PM
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Comments
Ja. Nichts bleibt, wenn
wir nicht dafür sorgen, dass es weitergeht.
gHack, 1 week ago
Kommt mir irgendwie geläufig
vor…
tobi, 1 week ago
Man muss sich ja dauernd
um die Systeme kümmern. Entweder Archive.org saugt es ab...
gHack, 2 weeks ago
D.h. der Long Tail
ist Geschichte?
tobi, 2 weeks ago
Klar geht das wieder auseinander,
aber ich meinte in erster Linie diesen starken Sog...
gHack, 2 weeks ago
Hmm, da bin ich nicht
so sicher. Sites wie http://www.wikia.com/fandom erfreuen sich doch schon...
tobi, 2 weeks ago
Hier noch nicht so
stark verbreitet.
gHack, 1 month ago
prefering the queue at
the selbstscannerkasse.
garbageman, 1 month ago
!
exdirk, 2 months ago
True!
gHack, 2 months ago
Zahlensender: Berauschender Vergleich!
libralop, 2 months ago
Alright with me
gHack, 3 months ago
Blogs sind die neuen
Zahlensender.
sakana, 3 months ago
So ist es.
Arwa Pelski, 3 months ago
Eben, eben. (Wenn auch
schön.)
Lakritze, 3 months ago
Ich lebe vermutlich unter einen
Stein, aber ...marketing? Wer hätte denn da & so...
Lakritze, 3 months ago
Merci! Ich hab die Dinger
mit einer Breite von 800px als Serie hochgeladen (geht...
gHack, 3 months ago
So schöne Fotos und ich
wüsste gern, wie das geht, dass die so aufploppen...
klagefall, 3 months ago
Bloggen ist per se
irrelevant, also keine Gefahr.
klagefall, 3 months ago
sie sprechen mir aus
der seele!
ranke, 3 months ago
<3
goncourt, 3 months ago
Eine analoge Point-and-Shoot ist noch
mal anders, ja, könnte sehr spannend sein. (Eine Art...
goncourt, 4 months ago
Ich hab noch ne alte
Mju2 rumliegen. Mit der wär alles wieder nochmal anders....
gHack, 4 months ago
Ich bin auch jedesmal
überraschter, wenn ich die Bilder sehe.
goncourt, 4 months ago

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