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Saturday, October 5, 2019
Brad Feuerhelm: "Dein Kampf"

Heute am Vienna Art Book Fair einem Podiumsgespräch mit dem US-amerikanischen Fotografen Brad Feuerhelm gelauscht, den Regina Anzenberger dankenswerterweise nach Wien eingeladen hat. Feuerhelms jüngst erschienenes Fotobuch "Dein Kampf" (Mack Books) hat mehr zu bieten als den an Karl Ove Knausgård und schwächere Autoren gemahnenden Titel. Es ist ein Berlin-Buch, das von seinem Autor ausdrücklich in die Tradition von Michael Schmidt und John Gossage gestellt wird.

Feuerhelm arbeitet in einem mehrstufigen Verfahren. Er fotografiert analog schwarzweiß und liest die Prints - oder Ausschnitte daraus - mit dem Scanner ein. Aus Korn wird Pixel, und zwar so subtil, dass man sich fragt, welches Verfahren in der Verarbeitungskette hier eigentlich digital und welches "analog" ist, und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Die ästhetische Anmutung bewegt sich zwischen frühem Daido Moriyama, Michael Schmidt und Teletext.

Feuerhelm lebt nicht in Berlin, er hat sich nur drei Tage lang dort aufgehalten und ist durch die Stadt gelaufen, um seine Motive zu finden. Er wollte schnell arbeiten. "Dieses Bild ist Quatsch", sagt er, auf das rechte Element einer Doppelseite seines Buchs deutend. Wichtig ist das Bild trotzdem, denn es funktioniert als Übergang in der zusammengestellten Sequenz. Er kenne Gesamtwerke von Kollegen, in denen jedes einzelne Bild brillant sei, und zwar so gut, dass sie sich nicht dazu eigneten, zu einem Fotobuch zusammengefasst zu werden. Hier ist er also wieder, der Unterschied zwischen einem Buch mit Fotos und einem echten, als Sequenz konzipierten Fotobuch.

Berlin ist in "Dein Kampf" eher Stimmungselement statt Ort. Der Ostberliner Fernsehturm ragt zwischen Kompressionsartefakten auf, er könnte aber auch von einem Werbeplakat in Shanghai abfotografiert worden sein. Die Stimmung ähnelt der in Michael Schmidts Klassiker "Waffenruhe", nur hat Feuerhelm sie von der deutschen auf eine internationale, allgemein gültige Ebene gehoben und generalisiert. In Referenz auf Schmidt wird die geteilte Stadt zur Chiffre für die polarisierte Weltgesellschaft der Trump-Ära. Es ist Feuerhelm gelungen, das gegenwärtige Unbehagen zu materialisieren, indem er es vom konkreten Ort seiner Arbeit abstrahiert. "Dein Kampf" hat daher seinen Platz im Regal neben "Waffenruhe" verdient.

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Sunday, September 15, 2019
Robert Frank: Being Shot

Als Robert Frank 1955 in Arkansas für sein Projekt unterwegs gewesen ist, aus dem "The Americans" werden sollte, wurde er von einem Polizisten festgesetzt, weil er Kameras und Straßenkarten dabei hatte - er hätte ja ein kommunistischer Spion sein können.

Heute hat eigentlich fast jeder mindestens eine Kamera im Smartphone dabei und wird seinerseits in vielen Situationen von Überwachungskameras erfasst. Ulrich Beck hätte in diesem Zusammenhang wohl von reflexiver fotografischer Praxis gesprochen. Die fotografische Praxis durchdringt das Leben im frühen 21. Jahrhundert. Fotografieren ist billig und jeder tut es.

Dabei bildet sich eine reflexive fotografische Haltung heraus: Man lernt, was es bedeutet, fotografiert zu werden und man lernt auch selbst, wie man es macht. Es entsteht ein inneres Modell der Bilderproduktion und des Fotokonsums.

Mag also sein, dass Robert Franks künstlerische Praxis, eine zu Bildern geronnene emotionale Spur zu hinterlassen, den audiovisuellen Alltag unserer Zeit vorweg genommen hat. In Texten über "The Americans" darf der Hinweis auf das von Jack Kerouac verfasste Vorwort nicht fehlen. Dass Franks Fotografie das visuelle Äquivalent zu "On the Road" liefert, ist ein naheliegender Schluss, der meines Erachtens aber nicht stimmt.

Ob als Fotograf oder Filmer, Robert Frank hat zwar immer "draufgehalten", aber er hat auch sorgfältig ausgewählt, redigiert und montiert. Die Beatnik-mäßige Schleißigkeit in der Anmutung ergab sich dabei aus der Anforderung, möglichst mobil zu sein und mit kompakter Ausrüstung zu arbeiten. Sicher war es in den 1950er Jahren möglich, Locations perfekt auszuleuchten und hochauflösende schöne Fotos zu machen. Frank aber wollte als Individuum möglichst minimalistisch unterwegs sein: "...to photograph freely throughout the United States, using the miniature camera exclusively", wie er es in seinem 1954 eingereichten Antrag für das Guggenheim-Stipendium formulierte. Der Eingangsstempel trägt das Datum 21. Oktober 1954. Am 1. November desselben Jahres stellte Kodak seinen revolutionären weil für damalige Verhältnisse mit 400 ISO hochempfindlichen Tri-X-Schwarzweißfilm vor, den Frank für seine Arbeit an "The Americans" verwenden sollte.

Frank und seine Familie lebten zwar in kargen Verhältnissen, aber Beatnik-Schlamperei und Low-Tech-Attitüde waren ihm fremd. Der nagelneue Tri-X-Film und die auch damals schon teure Leica waren genau die richtigen Werkzeuge für den Job. Was heute falsch belichtet und verwackelt aussehen mag, waren genau die Bilder, die man mit dieser Ausrüstung unter den von Frank ausgesuchten Bedingungen eben machen konnte. Die Bilder in "The Americans" wirken auch heute noch so wie intendiert, weil ein Profi sie mit genau den richtigen Werkzeugen gemacht hat.

Die Theorie, dass Frank die aktuelle soziale Praxis der Bilderkommunikation vorweggenommen hat, stimmt also nur in Bezug auf Menschen, die wissen, was sie tun - und dabei hart an sich arbeiten. Schließlich würde auch niemand behaupten, dass heute jeder ein Schriftsteller ist, weil sich jeder einen Kugelschreiber kaufen kann.

Was Frank zum Zeitgenossen macht, ist seine Arbeit direkt in der Situation. Was ihn anachronistisch wirken lässt, sind seine Subjekte. Es ist kaum mehr nachzuvollziehen, was es 1955 bedeutet haben mag, unvorbereitet im eigenen Alltag, in der eigenen Lebenswelt fotografiert zu werden. Diese Differenz zwischen alltäglicher und unwiederbringlich verlorener Praxis ist die Quelle einer zutiefst mit der Fotografie verbundenen Melancholie, wie sie Roland Barthes in den ersten Absätzen seiner "Hellen Kammer" beschrieben hat. Franks "Es ist so gewesen" umfasst aber nicht nur das einzelne Foto, sondern die ganze fotografische Praxis.

Der Abschied von Robert Frank wiederum birgt diese Melancholie in sich und hebt sie auf. Er ist so gewesen.

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Last modified: 10/5/19 8:37 PM
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