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Wednesday, January 6, 2016
IT-Identitäten

Meine liebste Trolltaktik besteht ja darin, die IT-Industrie, die in ihren Hypes so gerne behauptet, wahnsinnig disruptiv zu sein, in historische Grundströmungen einzuordnen. Darum finde ich Postings wie das von Michael Seemann darüber, wie sich die Nerdkultur selbst aktualisiert so interessant.

Schon als ich Setzer gelernt habe, fand ich Fachsprache und Rituale der Branche als Abgrenzungsmechanismen interessant. Vor allem deshalb, weil der Beruf schon früh genau jene Transformationen im Kleinen durchmachen musste, die immer mehr Bereiche der Gesellschaft erfassen: Durch den Computer, erst Minicomputer mit angeschlossenen Terminals, dann DTP, wurden ganze benachbarte Berufsgruppen wegrationalisiert (damals habe ich keinen Verleger über die böse Computerisierung und Vernetzung jammern hören). Außerdem entschlossen sich im Zug der Informatisierung immer mehr Frauen dazu, Setzer zu lernen, man führte das darauf zurück, dass das körperlich anstrengende Hantieren mit schwerem Gerät weggefallen war, jedenfalls saßen in meiner Berufschulklasse mehr Frauen als Männer. (Würde mich an dieser Stelle interessieren, was in den 1970ern über dieses Thema geschrieben wurde, zu meiner Zeit war das schon durch.)

Der buchstäblich seit Gutenberg von Männern dominierte Avantgarde-Hightech-Beruf des Setzers (hier mehrseitigen Einschub über die Bedeutung von Setzern und Druckern in den sozialen Bewegungen des Industriezeitalters hindenken, danke) war innerhalb von drei Jahrzehnten durch die Rechentechnik zu einer Tätigkeit geworden, die sich in vielem nicht mehr von anderen Bürojobs unterschied, ab der DTP-Welle in den 1980ern nicht mal mehr in der verwendeten Hardware (mehrseitiger Exkurs darüber, inwieweit das Selbstbild kreativer Mac-User genau aus dieser Abgrenzung der gestaltenden Arbeiterberufe von den PC-Büroheinis geprägt wurde). Hinzu kam noch die Intellektualisierung und Akademisierung via Gestaltungs-FHs, etc.pp.. (Warum ist britisches Design in den Punk-Thatcher-Jahren so explodiert? Mit welchen Tools haben Brody und Barney Bubbles gearbeitet, etc. trallala)

[Wenn ich noch Wissenschaftler wäre, dann würde ich die digitalen Transformationen in der Druckbranche als Blaupause für den Rest nehmen und darüber forschen, aber irgendwie ist Denken nicht mehr so in Mode, also kann man es genauso bleiben lassen.]

Man könnte dann nachsehen, was von den jahrhundertealten Traditionen des Setzerberufs nach der Digitalisierung noch geblieben ist, nämlich identitätsstabilisierende abgrenzende Fachsprache und Rituale. Gegautscht wurde man zu meiner Zeit nach Abschluss der Lehre nämlich immer noch - und ich glaube nicht, dass sich das geändert hat, obwohl es den Schriftsetzerberuf nicht mehr gibt.

Diese Mechanismen, mit denen Identitäten gebildet und aktualisiert werden, trennen ja nicht nur, sie stellen auch Anschlussfähigkeit (Schnittstellen zu anderen Berufen) her und helfen bei der Qualitätskontrolle ("Beherrscht den Jargon" als Vorstufe zu "Weiß wovon die Rede ist"). Also ist es spannend, wie sich diese im IT-Bereich unter heutigen Bedingungen entwickeln und stabilisieren. In meiner Heimatgemeinde gab es in den 1990ern einen Bürgernetzverein, der TCP/IP-Connectivity mittels Einwahlknoten auf Grundlage einer sehr guten Idee der bayerischen Staatsregierung zur Verfügung stellte. Der Bürgernetzverein marschierte mit seiner eigenen Fahne ganz selbstverständlich mit den Schützen und Kaninchenzüchtern im traditionellen Volksfestauszug mit.

Was Seemann da beschreibt, dieses Mindset des vorgeblichen Rationalismus des IT-Profis, ist ja nichts anderes als der Trachtenjanker des Ingenieurs, Ayn Rands "Objektivismus" ist durch und durch netzvolkstümlich und es gab auch schon lange vor dem Netz in den USA eine technokratische Partei mit objektivistischer Ideologie.

Ich glaube, es geht darum, wie sich Angesichts der Polyvalenz digitaler Technologien und deren totaler Anschlussfähigkeit überhaupt noch berufliche bzw. ständische Identitäten konstruieren lassen. Jeanette Hofmann und andere haben einige Aspekte davon in den 1990ern im Forschungsbereich Internet-Anthropologie am WZB untersucht, also wie sich die Ingenieurskultur via RFCs etc. selbst aktualisiert. Bei aller beruflichen Akkulturation über die formalen Ausbildungswege: Quereinsteiger gab es immer. Aber in der IT ist die Mehrheit der Menschen Quereinsteiger. Die Geräte sind billig, die entscheidende Software frei kopierbar, also bleibt nur die Konzentration auf zunehmend spezifische Skillsets, Jargon und Habitus (bzw. Non-Habitus, aber der ist auch einer).

Linkes Denken arbeitet sich oft am Abfall und an den Dysfunktionalitäten solcher Identitätsbildungsprozesse ab, weil sie - Foucault usw. - Generatoren von Machtverhältnissen sind. Identität ist Macht und Macht ist schlecht, also muss sie adornoid dekonstruiert werden, bis idealerweise alles floatet. Leider ist immer schon vorher Schluss, weil die Subjekte der Identitätspolitik da nicht mehr mitmachen und, in Frage gestellt, den Prozess der operationalen Schließung ihrer jeweiligen Subsysteme noch beschleunigen. Das gilt auch für die Meister der Identitätspolitik selbst, die professionellen Shitstormdompteure usw., die sich täglich neu ermüdend an der Aktualisierung ihrer eigenen Identitäten als Identitätsbildungsstörer abarbeiten. Der Nerd ist King in seinem System, der Nerdkritiker genauso. Es folgt die übliche Itchy-and-Scratchy-Show. Ich frage mich: Wie kann man die Identitätsbildung produktiv begleiten, sodass die Leute offen bleiben. Geht das überhaupt, speziell in einem Umfeld, in dem zunehmend die materiellen Korrelate fehlen?

Online for 1433 days
Last modified: 11/27/16 11:26 AM
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Comments
Eine analoge Point-and-Shoot ist noch
mal anders, ja, könnte sehr spannend sein. (Eine Art...
goncourt, 1 week ago
Ich hab noch ne alte
Mju2 rumliegen. Mit der wär alles wieder nochmal anders....
gHack, 1 week ago
Ich bin auch jedesmal
überraschter, wenn ich die Bilder sehe.
goncourt, 1 week ago

gHack, 1 week ago
Ich finde das gut mit
der Türkei. Für mich ist das praktisch mein einziger...
klagefall, 2 weeks ago
Mich nervt dieses Eindringen gezielter
Propaganda in meine Lebenswelt zusehends. In einer Kneipe kann...
gHack, 2 weeks ago
So muss das in den
späten 60ern, Mitte 70ern gewesen sein (von Eco beschrieben):...
goncourt, 2 weeks ago
Du hast Medium vergessen, das
ziemlich schlau mit Twitter integriert ist. Da findet man...
gHack, 2 weeks ago
Ich glaube, dass ist der
Punkt: Es gibt kaum noch Leute, die Blogs lesen...
klagefall, 2 weeks ago
Ist sie immer noch.
gHack, 2 weeks ago
(Die Copyright-Schiene war viel
gefährlicher und blogzerstörender als das mit dem Impressum.)
goncourt, 2 weeks ago
Impressumspflicht? Lustig, ich glaube, ich
hatte mal eins mit Totenschädel, dann wieder runtergenommen, weil...
goncourt, 2 weeks ago
Ich glaube, er konnte das
Stück dort nur deshalb anbringen, weil das Haus verlassen...
gHack, 2 weeks ago
Ich seh das halt im
Rahmen "unserer" Bloggergeneration. Weiß gar nicht mehr, wann ich...
gHack, 2 weeks ago
Schade drum
bubo, 2 weeks ago
Dann nenn es eine sehr
blogartige Art des Essays (mit dem Lob-Pingpong musst Du...
goncourt, 2 weeks ago
Naaa, Bloggen ist schon
was Intensiveres als das, was ich hier mache.
gHack, 2 weeks ago

Foto von 2011. Das Haus ist mittlerweile abgerissen worden.
gHack, 2 weeks ago
[OMG, was habe ich da
ausgelöst. :)] Es gibt doch so viele — weiter-...
goncourt, 3 weeks ago
Sie sollten sich mal anmelden,
da wären Sie nun in guter Gesellschaft...:ornitho.de Ich war...
bubo, 1 month ago
Die sardinischen Kollegen waren
dort auch häufiger, auch wenn es nicht Sardinien war.
katatonik, 1 month ago

Heute noch einen gesehen. Anderes Revier. Dort leben sonst Neuntöter.
gHack, 1 month ago
Uh! Stark.
bubo, 1 month ago
Nördlicher Raubwürger auf Urlaub in
Niederbayern. Hab schon letztes Jahr im Dezember ein Exemplar...
gHack, 1 month ago
Mutet schon so an
bubo, 1 month ago

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