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Saturday, March 28, 2015
Brit Future
Robert Rotifer hat es auf sich genommen, mit The Prodigy über ihr neues Album zu sprechen. Mich hat zunächst verblüfft, dass die Band noch existiert, die diffuse Wut, von der ihr Sound gesättigt ist, scheint sich mit der Zeit (und mit dem Ruhm und mit dem Geld) nicht verflüchtigt zu haben. Dann habe ich mich gefragt, ob GB als neoliberaler Musterstaat par excellence das Schicksal Mitteleuropas vorwegnimmt - den Abbau des Staates und der Sozialsysteme und so weiter - oder ob es doch einen Sonderfall darstellt, der sich mittlerweile nicht mehr so einfach verallgemeinern lässt.

Wahrscheinlich hat meine Frage vor allem mit dem enormen Einfluss zu tun, den GB früher auf die kontinentale Popkultur gehabt hat. GB war für mich näher und wichtiger als die USA, außerdem kam man damals noch recht billig und ohne größere Nervereien hin. Man las The Face, i-D und Judge Dredd und Ballard und wusste, was so an Fun und Terror auf einen zukommen würde. Pop funktionierte als Trendsensor und sagte das Kommende voraus. Und weil die Popmedien tief mit der restlichen Konsumgesellschaft verwoben waren, trat diese Zukunft in der Regel auch ein. Das stimmte wohl bis Mitte der 1990er Jahre. Heute haben wir das Internet.

These 1: Pop und Mainstream haben sich voneinander entkoppelt. Pop ist nicht mehr vorn, sondern vollzieht nach.

These 2: Dank Netz gibt es keine Alpha-Gesellschaften mehr, die gesamtgesellschaftliche Trends für "den Rest der westlichen Welt" vorwegnehmen. Es gibt nur noch Länder, in denen das neue Apple-Gadget schneller ausgeliefert wird als in anderen. Das ist vielleicht die letzte echte Rangordnung, aber auch sie sagt wenig aus. Mag sein, dass Silicon Valley und San Francisco das Zukunftslabor der Welt sind, aber wenn dem so ist, dann hat das für uns unmittelbar gar keine Bedeutung mehr, weil wir es mangels Ressourcen nicht mehr nachvollziehen können und die Innovationen, die von dort kommen, entweder akzeptieren oder ablehnen. Aber sie kommen auf uns herab wie auf den Rest der Welt, es gibt nur noch wenig, was man von dort lernen könnte, es ist einfach zu verschieden von hier, bis zu dem Moment, in dem das Produkt gelauncht wird und alles, wirklich alles, gleich ist.

These 3: Im Kalten Krieg orientierte sich die bundesdeutsche Politik wesentlich stärker an den angloamerikanischen Ländern als heute. Es war auch praktisch, schon mal sehen zu können, was funktioniert und was nicht. Das geht heute aus mehreren Gründen nicht mehr, was zuweilen den Eindruck von Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit beim Betrachter hinterlässt.

Insgesamt glaube ich nicht, dass GB unsere Zukunft darstellt, die Übertragung funktioniert nicht mehr so einfach, irgendwas hat sich da gegabelt, auseinanderentwickelt, desynchronisiert.

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Thursday, March 26, 2015
Cyborg Photographer
Vor langer Zeit habe ich einen Aufsatz über Cyborg Theory und Journalismus geschrieben, den ich dann mit meiner ersten Website ("Homepage" wie "Homeland") löschen musste. Die Illustration dazu war freilich der berühmte "Rasende Reporter" von Umbo. Ein nur halb ironisch gemeintes Bild, denn mit dem Begriff Cyborg assoziieren die meisten Menschen sicherlich die eben dort gezeigte Integration des menschlichen Körpers mit technischen Artefakten.

Mich haben dagegen immer die lockeren Bindungen zwischen Mensch und Technik und deren Beschaffenheit interessiert. Eine meiner Lieblingskonfigurationen ist der Servo, wie in der Servolenkung, ein System, das eine vorhandene Fähigkeit des Nutzers aufgreift und präzise dosiert zu verstärken vermag.

In diesem Sinn bin ich über die Jahre ein Cyborg geworden. Als ich in den 1980er Jahren angefangen habe zu fotografieren, hatte ich eine voll mechanische Spiegelreflexkamera mit einem 50mm-Objektiv. Obwohl es damals schon bessere Geräte mit Belichtungsautomatik gab, arbeitete ich bis Ende der 1990er mit meinem alten Gerät, auch bei der journalistischen Arbeit.

Irgendwann bin ich dann doch auf eine Kamera mit Autofokus umgestiegen, Mitte der 1990er war der AF schon schneller als ich, außer vielleicht unter extrem schlechtem Licht. Die AF-Kamera und ihre automatischen Belichtungsmodi nahmen mir viel Arbeit ab, lagerten meine inneren Reflexbögen in integrierte Schaltkreise aus.

Auch meine erste Digitalkamera hatte Autofokus und Belichtungsautomatik. Sie griff darüber hinaus noch in eine andere Feedbackschleife ein, nämlich die der Wahrnehmung. Die Entwicklung bei den Digitalkameras geht in die Richtung, dass der Fotograf erst gar nicht mehr von einem analogen Sucherbild abstrahieren muss, sondern die Konsequenzen seiner Entscheidungen direkt in Echtzeit auf dem eingebauten Bildschirm vorweg sehen und diese korrigieren kann. Das Zeitalter der konkreten Fotografie hat damit begonnen.

Die Sehnsucht nach dem Analogen bei der fotografischen Arbeit selbst, ist bei manchen Akteuren sicher gleichbedeutend mit der Sehnsucht nach dem Hilfskonstrukt der inneren Abstraktion. Garry Winogrands Spruch, er fotografiere nur, um zu sehen, wie etwas fotografiert aussehe, gilt wohl auch für das Motivkonstrukt vor dem geistigen Auge. Der elektronische Sucher ist auch ein Servo, aber einer, der sich in die Feedbackschleifen meiner eigenen Wahrnehmung einklinkt und mir ein Foto zeigt, bevor ich mich dazu entschließe, es anzufertigen. Aus dem fotografischen Akt des Festhaltens ("Moment décisif") wird eine Bestätigung.

Welche Konsequenzen hat das? Vielleicht denke ich weiter darüber nach und schreibe es irgendwohin.

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Tuesday, March 24, 2015
Misteldrossel
(comm.)

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nts
en.wikipedia.org

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Monday, March 23, 2015
run!
(comm.)

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Sunday, March 22, 2015
Frühling!
(comm.)

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Monday, March 9, 2015
Museumsquartier
(comm.)

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Dem Zyklopen ist der Balken das eigene Auge.
katatonik, Yesterday
Den falschen Moment nicht zu nutzen, schafft erst den richtigen.
gHack, Yesterday
Und wenn Du ihn siehst, darfst Du die Kamera nicht anheben. Das wiederum ist...
goncourt, 2 days ago
Schon. Wenn ich einen Vogel fotografieren will, darf ich ihn auch nicht sehen.
gHack, 2 days ago
Das ist Zen!
goncourt, 2 days ago
Hm. Je weniger Apparat, desto höher die Abstraktionsleistung.
gHack, 2 days ago
Ist vielleicht meine Gewöhnung an die SLR, dass es bei mir genau umgekehrt ist....
goncourt, 2 days ago
Eine moderne SLR knallt einem ja ziemlich viele Informationen in den Sucher. Das ist...
gHack, 2 days ago
Hm. Wieso?
goncourt, 2 days ago
Beim Messucher muss mein Hirn weniger rechnen als bei einer Spiegelreflex.
gHack, 2 days ago
Was Du schreibst, geht mir aber gerade mit der mechanischen Leica so. Ich sehe...
goncourt, 2 days ago
...
gHack, 4 days ago
...
gHack, 5 days ago
...
gHack, 6 days ago
In der Tat! Dann wäre die Begegnung wohl nicht so angenehm verlaufen...
gHack, 19 days ago
...
gHack, 19 days ago
Prima! Und wie gut, dass Sie keiner Ameise ähneln.
bubo, 19 days ago
...
gHack, 20 days ago
Ich fand Heidegger immer ziemlich unangreifbar, weil seine Sätze einfach Nonsens sind, man ihnen...
hafnerwolf, 23 days ago
Schätze, es gibt eine Grenze zwischen dem Heideggerdooffinden und der ernsthaften systematischen Zerlegung. Mit...
gHack, 24 days ago
Fand den Kaube-Text super. Der Blödsinn der Heideggerei wird da sehr gut entlarvt als...
hafnerwolf, 24 days ago
...
gHack, 24 days ago
...
gHack, 25 days ago
Ihr Nachruf faszinierend
bubo, 29 days ago
Vernunft, die konsequent durchdacht wird, ist heiter bis hin zur Levitation.
goncourt, 29 days ago

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