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Thursday, May 26, 2016
Corporate's Child

These: Der Aufstieg wirklich totalitär-autoritärer Rechtsparteien ist nichts anderes als die logische Fortsetzung totalitär-autoritärer Mainstream-Politik seit spätestens 2001.

  1. Wer ständig unbeliebte Maßnahmen zum "Policy Laundering) über demokratisch miserabel legitimierte Institutionen wie den EU-Ministerrat in die eigenen Länder zurückspielt und bei der anschließenden Aufregung so tut, als sei die böse EU mal wieder Schuld, und das über Jahrzehnte hinweg, der trägt wesentlich mehr dazu bei, das europäische Projekt zu beschädigen als es die Neonationalisten jemals könnten.

  2. Seit "9/11" arbeiten sämtliche transatlantischen Regierungen konsequent an der Installation eines totalitären Kontrollsystems, das sich jeder demokratischen Prüfung erfolgreich entzieht. Geheimgerichte, permanente Kommunikationsüberwachung der gesmaten Bevölkerung und Abbau der Gewaltenteilung sind keine Erfindung von Orbán und PiS, sondern gelebte Praxis in sämtlichen Staaten des "Westens".

  3. Seit den 1980er Jahren läuft ein ständiger Rollback der ohnehin winzigen Mitbestimmungsrechte in Bildungs- und Arbeitswelt unter dem Deckmantel der Effizienzsteigerung. Die Politik diskutiert ständig über Liberalisierungen, die aber nicht mehr Freiheiten für die Individuen bedeuten - ganz im Gegenteil. Im Alltag ist Demokratie nur selten erlebbar, speziell bei hoher Arbeitslosigkeit herrscht in vielen Ländern eine Atmosphäre, die sich von der in einem totalitär gemanagten Staat kaum mehr unterscheidet, man stolpert in mehreren Zyklen der Entwürdigung und Enthumanisierung von einem Mikrototalitarismus in den nächsten, bis der Apparat einen schließlich weglegt wie ein kaputtes Werkzeug. Menschen werden speziell in den profitableren Regionen der Wertschöpfungsketten kaum mehr benötigt, und wenn, dann nur noch als hochspezialisiertes Personal, das nach dem nächsten "disruptiven" Move auch gleich entsorgt werden kann. Wut staut sich auf und entlädt sich.

  4. Der Staat gibt vor, alles sehen zu können (siehe Punkt 2), wenn er aber handeln soll, tut er so, als seien ihm die Hände gebunden, von der bösen EU, durch internationale Verträge, durch Ressourcenmangel, durch die allgemeine Wirtschaftslogik, die halt nun mal so ist. Wenn der Staat agiert, dann nur mit noch mehr Repression nach unten, weil das halt einfacher ist, als Steuern von Amazon zu verlangen. Diese Diskrepanz führt zu einer Art Theodizeegefühl, die schon ziemlich massive Weltreligionen hat abschmelzen lassen.

  5. Die neonationalistischen Parteien würden im Fall der Machtübernahme nichts, aber auch gar nichts besser managen als ihre Vorgänger. Sie würden nur die verbleibenden Geldströme in ihre eigenen Taschen umleiten. Die intelligenteren ihrer Anhänger wissen das auch und versprechen sich davon eine Chance auf sozialen Aufstieg, die sie von den anderen Parteien nicht mehr erwarten können.

  6. Die neonationalistischen Parteien sind nicht deswegen so erfolgreich, weil sie disruptiv wären, sondern weil sie bestehende Leitlinien der Mainstream-Politik der letzten 30 Jahre konsequenter und skrupelloser weiterdenken als die Corporate-Politiker selbst. Alles was sie tun müssen, ist die Probleme mittels geschickter Propaganda zu übersteigern und auf politische Non-Akteure umzuleiten (Migranten, Arbeitslose, you name it). Um die Terminologie aus dem letzten Posting weiterzuführen: Crazy is Corporate's Child.

  7. Crazy und Corporate profitieren von einander. Corporate kann sagen: "Ihr wollt doch nicht etwa, dass DIE regieren." Crazy kann Corporate weiter als Feindbild hinstellen und organisch aus den Dysfunktionen des Wirtschaftssystems heraus wachsen. Beide benutzen Angst und Hysterie als mächtige Werkzeuge, um rationale Entscheidungsprozesse auszuhebeln. Dumm nur: Irrationalismus ist letztlich immer crazy.

  8. Punkt 7 ist nur eine Phase, weil ab einer bestimmten kritischen Frustrationsschwelle das Rationalismus-Argument nicht mehr funktioniert. Im späten Faymann-Österreich, zum Beispiel.

etc. pp. ad inf.

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Wednesday, May 18, 2016
Corporate vs. Crazy

Es sieht ja so aus, als würde die alte Unterscheidung zwischen rechts und links in der Politik nicht mehr funktionieren. Das mag auf den ersten Blick auch so sein, denn die öffentliche Non-Debatte wird von zwei Geschmacksrichtungen beherrscht, die man ganz anders bezeichnen müsste, nämlich als Corporate und Crazy.

Corporate hat weitestgehend (aber nicht vollständig!) die alte Parteienlandschaft des transatlantischen Westens absorbiert. Einige Merkmale des Corporate-Politikers:

  • Sieht den gegebenen Zustand und dessen Erhaltung als "alternativlos".
  • Sieht und führt den Staat wie ein Unternehmen, sagt das auch und ist stolz darauf.
  • Übersteigert den Rationalismus ins Irrationale.
  • Will eigentlich kein Politiker sein, sondern sieht das Amt als Einstiegsposition für einen Superjob in "der Wirtschaft". Pflegt entsprechendes Vokabular.
  • Diffundiert Verantwortung nach Vorbild zeitgenössischer Manager in Gremien oder stützt sich auf Plebiszite. Nachvollziehbare Entscheidungen sind um jeden Preis zu vermeiden, denn die Welt ist so wirr und unberechenbar, dass jede Bewegung im Desaster enden kann.
  • Hält die Entscheidungsfindung in der repräsentativen Demokratie für gerade noch erträglich, weicht aber auf autoritäre Mechanismen aus, wo es auch immer geht (EU-Ministerrat, TTIP-Verhandlungen, etc.).
  • Muss sich Ergebnisse in der Regel wesentlich härter erarbeiten als Manager in "der Wirtschaft", bekommt aber viel weniger Geld dafür. Bewegt sich trotzdem ständig in Managerkreisen und muss wegen des Einkommens- und Machtgefälles irgendwann einen Minderwertigkeitskomplex bekommen.
  • Hat keine Ideologie (gut), aber auch keinen Plan (schlecht).

Ist der Minderwertigkeitskomplex so groß geworden, dass er alle anderen Aspekte seiner Persönlichkeit überformt oder sieht er keine Chance mehr auf weiteren Aufstieg, wird der Corporate-Politiker irgendwann crazy und entwickelt unter anderem folgende Merkmale:

  • Er borgt sich eine extremistische Ideologie aus dem 19. Jahrhundert und/oder eine Religion, die er ausschließlich fundamentalistisch-destruktiv auslegt. IMMER aber stellt er mindestens eine Eigenschaft zur Schau, die traditionelle Vertreter dieser Richtungen niemals zulassen würden. Damit kann er immer sagen: Ich bin ja gar nicht so. Das ermöglicht ihm, auch die abgegriffenste und kaputteste Ideologie so zu benutzen, als wäre sie brandneu und hätte sich niemals durch Weltkriege, Massenmorde etc. selbst diskreditiert.
  • Hat eine Ideologie (schlecht), aber keinen Plan (eher gut, denn das lässt ihn scheitern).
  • Während der Corporate-Politiker sich noch ein säkulares Jenseits als Topmanager in einem Superkonzern erträumen kann, ist für den Crazy-Politiker in seinem Amt Schluss. Das lässt ihn nach einer gewissen Zeit verzweifeln und macht ihn böse.
  • Weil er selbst aufgrund der Beschränkungen der eigenen Ideologie auf ein Gebiet, eine Identität oder Religion irgendwann nicht mehr wachsen kann, will er die Corporate-Politiker wieder unter die Knute des Nationalstaats zwingen. Das schafft er aber nicht, ohne seinen eigenen Anhängern schwerste Prüfungen aufzuerlegen.
  • Mit dem Auferlegen schwerster Prüfungen kommt der Crazy-Politiker nur durch, wenn er brutal autoritär agiert, alle Mediensysteme kontrolliert, etc.. Praktischerweise haben die Corporate-Politiker für ihn schon alle Überwachungsgesetze geschrieben und die Gewaltenteilung tödlich geschwächt, weil sie zu faul waren, sich eine andere Lösung für zeitgenössische Sicherheitsprobleme auszudenken. Außerdem machen Corporates und Crazys verdammt gerne Geschäfte im "Sicherheits"-Business, denn im Schutz von Geheimhaltungsregeln kann man endlich wieder so richtig schön korrupt sein.
  • Der Crazy-Politiker kommt authentischer rüber als seine Corporate-Gegner. Er ist ja auch authentisch crazy, zumindest zu Beginn.
  • Die Craziness nutzt sich mit dem möglicherweise eintretenden Erfolg ab. Es kostet außerdem wahnsinnig viel Kraft, ständig so richtig authentisch crazy zu sein. Und nichts wirkt so unauthentisch wie Craziness als Geste.
  • Der Crazy-Politiker hasst nichts so sehr wie Wissenschaft und Aufklärung, er muss die Leute so lange wie möglich in seiner Crazy-Bubble gefangen halten, gerne auch physisch, mit Grenzkontrollen, Mauern und Ausreiseanträgen.
  • Der Crazy-Politiker ist schlimmstenfalls die böse Variante des Tricksters aus dem Anthropologielehrbuch. Ein Archetyp des Verderbens.

Etc. pp. u.v.m.

Hat der Antagonismus Corporate vs. Crazy nun die Unterscheidung zwischen rechts und links ersetzt? Nein, denn sowohl Corporate- als auch Crazy-Politiker sind rechts. Den einen fehlen Empathie und echter Wille zum gesellschaftlich-ökonomischen Ausgleich, die anderen denken weder solidarisch noch internationalistisch.

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Sunday, May 1, 2016
Sie sind wieder da

(comm.)

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Saturday, April 9, 2016
Provoke

Endlich in der medial etwas unterbelichteten Ausstellung über das japanische Fotomagazin "Provoke" gewesen, danke, schlechtes Wetter.

Gemäß europäischer Tradition standen die einzelnen Prints der "Provoke"-Fotografen im Vordergrund, ausgewählte Fotobücher standen - hinter Glas - als Skulpturen im Raum. Schön, die Originale von Werken wie Toshi-e/Tokyo-jin oder For a Language to Come zu sehen. Noch besser: Die Abteilung mit Protestfotografie der 1960er- und 70er-Jahre, die auf wenigen Quadratmetern ziemlich viele westliche Japan-Klischees pulverisiert, eine kraftvolle Dokumentation von Protesten gegen Flughafenprojekte und Militärbündnisse, ein Japan, das die ultrakonservative Abe-Regierung gerade endgültig abzuräumen versucht, hier wie dort spielt die Altersstruktur der Bevölkerung der Macht in die Hände.

Ein weiterer Höhepunkt: Die Vintage-Prints aus "Kamaitachi" von Eikoh Hosoe. Anders als bei den Einzelbildern aus den Serien von Takanashi oder Nakahira funktioniert hier die Präsentation, die Bilder bestehen auch außerhalb der Serie - gerade Hosoes vergleichsweise konservativer, ja klassischer Ansatz lässt die Fotos im heutigen europäischen Umfeld besonders gut wirken.

Gewissermaßen als Kontrapunkt dazu werden im selben Raum einige DIY-Magazine von Nobuyoshi Araki gezeigt. Araki hat zu Beginn seiner Karriere in einer Werbeagentur gearbeitet und damit Zugriff auf ein außergewöhnliches Stück Hochtechnologie: Einen Fotokopierer. Damit stellte er Foto-Zines in Kleinstauflage her, die er an seine Kontakte verschickte.

Arakis Hefte rühren mich unmittelbar. Sie sind klein, ich glaube, US-Letter-Format, und mit rotem Faden unglaublich präzise auf traditionelle japanische Art gebunden. Zuletzt habe ich solche Hefte in einer Ausstellung von Ukiyo-e gesehen, eine schöne Kontinuität im Zusammenfügen der Sequenz, die gerade Konnektionisten daran erinnert, dass die Buchbinderei für sich gewiss keine geringe Kunst ist.

Es fällt auf, wie stark die Fotokopie-Ästhetik die Fotografie der Provoke-Gruppe und ihrer Zeitgenossen informiert hat, "Are, bure, Xerox", gewissermaßen. Auch Daido Moriyama hat offensiv mit Fotokopien gearbeitet. Deren Ästhetik spielt den Provoke-Leuten in die Hände: Die Halbtöne brechen weg, Horizonte verrutschen, alles wird hart und modern und bewegt sich.

Ich weiß nicht, ob es einen Aufsatz über die Rolle des Fotokopierers in der japanischen Ästhetik gibt, muss auch nachlesen, ob die Provoke-Leute und Araki deswegen so harte Kontraste bevorzugt haben, weil sich die Bilder dann ohne größere Verluste mit den damaligen Kopierern als Serien verbreiten ließen. Sicher hat Moriyama über Fotokopierer geschrieben. Ich kann es nur nicht lesen.

Edit: Seltsamerweise spielt das Magazin "Provoke" selbst in der Ausstellung nur eine geringe Rolle. Betritt man den Raum, steht man vor einer Wand, auf der alle Seiten der drei Ausgaben aufgeklebt sind, aber so, dass man sie nicht näher betrachten kann. Es ist also nicht möglich, die Sequenzen zu analysieren, ein besseres Verständnis dieser einflussreichen Publikation zu erhalten. Schade.

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hackr fragt, ich antworte

Gute Frage chez hackr

Antwort:

Weil es einen klaren Schnitt durch die Zweidrittelgesellschaft macht. Ich kann mir das Ding leisten. Jeder weiß sofort, wo ich stehe. Ich bin drin.

Egal in welcher Produktlinie auch immer: Apple sagt dir, wo du stehst. Wenn du Apple-Produkte verwendest, bist du drin. Und "drin" gibt es dann noch subtile Differenzierungen für Positionsangaben. Primaten schätzen das, sie müssen wissen, wo sie stehen, verbrauchen irrsinnig viel Zeit fürs Versenden des aktuellen Status in der sozialen Hierarchie. Apple ist King of Convenience und vereinfacht auch dieses anstrengende Gestrampel. Man braucht einfach nur noch ein halbwegs aktuelles Device vor sich auf den Tisch zu legen - und alles ist wunderbar klar.

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Tuesday, March 29, 2016
Beim Hochzeitsflug

(comm.)

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Friday, March 18, 2016
No Newsletter

No clutter. No advertising. Just nothing.

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Last modified: 5/27/16 10:05 PM
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Comments
Bin auch erst gestern
rausgekommen.
gHack, 5 hours ago
Schönes Porträt. Dies
Frühjahr hatte ich mit den Wächtern noch kein Treffen. Allerdings auch...
bubo, 6 hours ago
Hier hab ich schon mehrere
Brutpaare gesehen. Sie mögen dasselbe Klimat wie die Kollegen...
gHack, 6 hours ago
Hier noch keinen gesehen.
bubo, 20 hours ago
Yuhu! Mögen sie sich
vermehren und freudig zahlreich im Gebüsche knarzen.
katatonik, 3 weeks ago

gHack, 3 weeks ago
In the long run…?
tobi, 1 month ago
Natürlich nicht.
gHack, 1 month ago
Darf man da mit
der Kamera rein? :)
goncourt, 1 month ago
Sicher. Die Albertina ist leider
ansonsten ziemlich schlimm. Sauteure Touristenfalle, exit through the gift...
gHack, 1 month ago
An die Grafiksammlung denkend, finde
ich es übrigens sehr angemessen, dass die Ausstellung in...
goncourt, 1 month ago
thx!
gHack, 1 month ago
Ich habe es über Kominek
bekommen: http://ymlp.com/zM5gxy - der Verleger/Händler ist übrigens, möchte ich...
goncourt, 1 month ago
Das hätt ich auch
gern. Wo hast Du das gekauft?
gHack, 1 month ago
Die neue Ausgabe "Sentimental Journey
2" von Araki ist auch so aufgebaut: Heftform, Collage,...
goncourt, 1 month ago
Moorwächter hat frei genommen
bubo, 1 month ago

gHack, 1 month ago
Fast überall hält Gravitation
Einzug gerade.
bubo, 4 months ago
Ich fand es sehr beeindruckend,
dass da ein öffentlicher 50m-Pool rumsteht. Ist ja kein...
katatonik, 4 months ago
Verflixt, durch Los Silos
sind wir auch gekommen, aber nicht so eifrig..
bubo, 5 months ago
Stimmt. Dieser niederbayerischen Falkendame
geht es besser.
gHack, 5 months ago
So rund um York,
Preston und Leeds findet jetzt keine Mäusejagd mehr statt
bubo, 5 months ago

gHack, 5 months ago

gHack, 5 months ago

gHack, 5 months ago

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