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Friday, November 21, 2014
NO OFFICE
Betriebsarzt Dr. Hans Mordt beugte sich vor. Ich konnte seinen Atem riechen, der nach vergorenen Zitrusfrüchten duftete, ähnlich wie ein ausgetrockneter Klostein.
"Der Szinterklaasz ist mehr als nur eine nette Brauchtumsfigur, der man sein erstgeborenes Lamm opfert, um dann seinen Liebsten die traditionellen Rüstungskonzernaktien unter dem schwarzen Mistelzweig der Todesdruiden zu übergeben."
"Sie meinen, den Szinterklaasz gibt es gar nicht? Hätte ich mir nie gedacht!"
"Sparen Sie sich Ihren Spott! Der Klaasz existiert wirklich! Jeder erfahrene Praktiker der dunklen Magie weiß das!"

Mordt hob an, vom wahren Szinterklaasz zu fabulieren. Dieser sei einer der "Dunklen Alten", die vor Urzeiten aus einer anderen Dimension auf die Erde gekommen seien, um Pauschalurlaub zu machen und Menschen zu essen. "Wir kennen Felszeichnungen aus Australien, die das überdeutlich zeigen - gemalt mit dem Blut der Eingeborenen."

Es sei den Menschen gelungen, den Klaasz und seine Kumpane - Genderbender und Goldzahn - zu bannen und in einen immerwährenden Schlaf zu schicken.
"Aber wenn ein Schlaf für immer währt, dann ist es doch keiner mehr."
"Jaja! Jetzt kommt's: Den Schlafzauber banden die Schamanen an einen vorüberziehenden Kometen. Und jeder aus der Zunft weiß, dass der Komet auf keinen Fall auf irgendeine unnatürliche Weise verändert werden darf! Sollte dies jemals passieren, würde der Zauber gebrochen und der Klaasz würde auferstehen und die Menschheit unter den schrecklichsten Qualen zugrunde gehen lassen. Den alten Schriften zufolge muss es sich so anfühlen wie unsere Kantine. Aber aus der Topfperspektive! Ungewürzt!"

"So what? Und jetzt lassen Sie mich bitte die Live-Übertragung der Landung auf Tschurmujow-Gerasimenko genießen."

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Thursday, November 20, 2014
Im Lande des Sir Run Run Run
Im Heimatsektor rafft es derzeit wieder alle Boutiquen dahin, sie werden aber nicht durch sinnvolle Läden ersetzt, sondern ausnahmslos durch Turnschuhläden, in denen die in Billigstlohnländern zusammengeklebten Sneakers wie Skulpturen frisch aus dem 3-D-Drucker ausgestellt werden: Auf schwarzen Podesten, angestrahlt von kaltblauen Spots, im Hintergrund noch das einzige Portraitfoto eines Basketballgotts, schwarzweiß in mattsilbernem Rahmen. Ich stelle mir junge Männer vor, so um die 25, frisch von der Wirtschaftsuni, Geld nicht wirklich ein Problem. Sie streichen sich um die Bärte, rücken die Schildpattbrillen unter den Basecapschildern zurecht, denken sich: Was bringt den meisten Profit, ohne dass wir was von der Sache verstehen müssten?

Turnschuhe.

Mit gegenreformatorischem Präsentationsperfektionswahn dargebotene Turnschuhe.

Turnschuhe mit Namen, Turnschuhe mit Persönlichkeiten, Turnschuhe mit mehr Bewegungsfreiheit als jeder Mensch, Turnschuhe, die ewig leben, im pazifischen Plastikmüllstrom kreiseln. Turnschuhe, auf denen dein Name geschrieben steht wie auf einem Grabstein.

Die zweite Möglichkeit: Es handelt sich bei den Turnschuhladenbetreibern um eine Sekte, deren Mitglieder nicht mehr weiter wissen. Es bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als voller Demut zu Boden zu blicken. Dort sehen sie dann: Ihre eigenen Turnschuhe. Jeder Mensch, so denken sie, sollte dieses Erlebnis der Demut haben, also sollten sie möglichst auffällige und teure Turnschuhe tragen, zu denen sie gern hinunterblicken. Toegazing als Lebensform und Kult.

Die dritte Möglichkeit: Ein Simulationsprojekt der Wirtschaftskammer, mit der sie den Leerstand in Raum und Ideenwelt überspielen möchte. Aber: Wozu?

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NO OFFICE
Noch nie hatte ich Betriebsarzt Dr. Hans Mordt so bleich gesehen. Gestützt auf einen seelenlosen Hilfszwerg aus den Untiefen seines Labors war er an meinen Angestelltenlaufstall gewankt. Nun zischte er: "Sssssie!"
"Mahlzeit, Herr Doktor. Wie kann ich Ihnen helfen?"
Mordts knochiger Zeigefinger deutete auf die lustige Szinterklaasz-Figur auf meinem Schreibtisch. Mein Metzger hatte sie mir geschenkt. Sie zeigte den Klaasz in vollem roten Rock, komplett mit Sack, Machete und Schrumpfköpfen der Eingeborenen. Nichts Besonderes, also.
"Der Szinterklaasz kommt!" hauchte Mordt abermals, "Er KOMMT!"
"Natürlich. Der Szinterklaasz kommt immer am 36. No-Vember. Das ist so der Brauch. Wie das Backsteinwerfen und das Verfluchen der Nachbarn."
"Nein! Er kommt wirklich! Sie wissen ja nichts! Gar nichts!"
Der Stützzwerg hustete, rückte seine phrygische Mütze zurecht. "Der Szinterklaasz, den Sie und diese anderen Softbots kennen, der ist nur eine Tarnlegende für den wahren Szinterklaasz! Ein Ritual, das die hirnarmen Primaten erfunden haben, um die Gefahr zu bannen, die sie nicht begreifen können!"
Ich lehnte mich zurück, öffnete eine Dose CortEx Lite. "Legen Sie los, Herr Doktor."

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Wednesday, November 19, 2014
NO OFFICE
Mit der rissigen Papiertüte schleppte ich mich übers Kopfsteinpflaster, durch den Weihnachtsmarkt, den die Stadtverwaltung nun 365 Tage im Jahr laufen ließ. Ich hatte Krellmann ein Geschenk zum Szinterklaasz-Tag besorgt, einen mundgebissenen Aschenbecher aus Blockflötenholz aus dem finnischen Designer-Shop von Nokia, das sich nach dem Ausverkauf an Microsoft nun wieder aus dem Gummistiefelsortiment heraus zu diversifizieren suchte. Alle Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs waren durch einen Elektromagnetischen Puls außer Gefecht gesetzt worden, den Betriebsarzt Dr. Hans Mordt beim Plätzchenbacken in der FIRMA ausgelöst hatte, ganz aus Versehen, selbstverständlich, zumal er der einzige war, der jeden Tag mit der Draisine zur Arbeit fahren konnte. Geschickt wich ich drei untoten Touristen aus, überhüpfte eine Pfütze aus grünlich schimmernden Bröckchen, als mich plötzlich der Ruf einer körperlosen Stimme in meinem Innersten erzittern ließ: "Einen Punsch gefällig, der Herr?"

Das charakteristische tonlose Klappern in der telepathischen Übertragung ließ nur einen Schluss zu: Es war wieder da! Ich folgte meinem Instinkt und sah, dass eine der aus billigem Holz gebauten Buden von den feinen Blitzen des Sankt-Olaf-Feuers umzuckt wurde, das nur der Eingeweihte wahrzunehmen vermag. Es musste so sein: Dr. Mordt war mit dem Totem der M'Bàh in den Urlaub nach Transylvanien gefahren. Dort hatten sie sich angeblich zerstritten und er war allein zurückgekommen. Doch in Wirklichkeit hatte er es an den holzverarbeitenden Betrieb von Vlad, dem Köhler verkauft, der es wohl in Bretter zersägt hatte, aus denen dann diese verfluchte Bude für den Cheapo-Szinterklaasz-Markt gezimmert worden war. Ich sah, wie ein dürrer Arm mit einem Glas voll brodelndem Smegma aus der dunkel gähnenden Öffnung der Bude hervorzitterte, einem unglücklichen Hutzelweib direkt vor die Nase. Die Wahnsinnige nahm und trank, fiel aber nicht gleich um, sodass der Ableger des Totems nachhelfen musste. Schließlich klappte die ganze Bude über dem Körper ihres Opfers zusammen, um sich nur kurze Zeit später unter unirdischem Ächzen langsam wieder aufzurichten, auf dem Tresen weitere Gläser, gefüllt mit dampfenden Flüssigkeiten fragwürdiger Herkunft, über die sich sofort eine Betriebstrinkergruppe aus Abteilung F hermachte, um wiederum demselben Schicksal wie die ältliche Passantin anheimzufallen.

"Schön, dass es dir gut geht, Totem", sagte ich, "Frohen Szinterklaasz!"

Aus den Tiefen des Budenschlunds tönte zufriedenes Kollern.

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Der Unbekannte
(comm.)

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Tuesday, November 18, 2014
Robert Frank, Kritikgeschichte
Heute lese ich in dem Buch "Robert Frank: In America" (Hrsg.: Peter Galassi) die Beschwerde, dass es die erste und bis heute wichtigste Kritikgeschichte zu Robert Franks "The Americans" bis heute nicht in den echten, wahren Druck geschafft habe, sondern 'nur' im Internet vorhanden sei. Und hier ist sie dann auch: Robert Alexander: The Criticism of Robert Frank's 'The Americans' (PDF)

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Sunday, November 16, 2014
Nach dem Regen
(comm.)

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Comments
Mobi Melville
gHack, Yesterday
So gehört das heutzutage analysiert, beeindruckend. Scientifically preinvented futures and deconstructed projections onto constructivisted...
StefanL, Yesterday
Oweh!
bubo, 4 days ago
Gegenstand werden. Genau.
gHack, 4 days ago
Dazu im Ohr: die goldenen Zitronen. Wenn ich ein Turnschuh wär.
liuea, 5 days ago
1-Euro-Turnschuh-Döner
bubo, 5 days ago
Die Sandalen-Sodalen.
gHack, 5 days ago
Man sollte eine Sandalenbewegung ins Leben rufen.
katatonik, 5 days ago
Ich glaube, da muss ich beim nächsten Mal glatt CSU wählen, damit sich da...
gHack, 5 days ago
Und das von unsern Steuergeldern.
goncourt, 5 days ago
In Turnschuhe passen auch gar keine Einlagen! Da hat es sich der Gesetzgeber wieder...
gHack, 5 days ago
Turnschuhe ist eine Bekleidungsvorschrift in §104 HGB, Nachsatz 1, «[Krämermakler]»: Turnschuhe erwirken Befreiung von...
goncourt, 5 days ago
Das ist so einer dieser Vögel, die vor einem auf- und abfliegen können, und...
katatonik, 5 days ago
Punsch aus Punschopfern
bubo, 6 days ago
dr. mordt welcome bäck!
pex, 6 days ago
Man sieht darauf gar nicht, wie winzig der Cistensänger ist.
gHack, 6 days ago
Nein, ich räume gerade meine Festplatte auf.
gHack, 6 days ago
Ay caramba, sind Sie grad in Spanien?!
bubo, 6 days ago
Ein galicischer Cistensänger! Das ist doch wohl eindeutig.
katatonik, 6 days ago
(Wahrscheinlich ein Cistensänger)
gHack, 7 days ago
Die Turdiden halten sich bei diesem Wetter gerne tief im beerentragenden Gesträuch auf, wo...
gHack, 8 days ago
Schön, und dem Wetter ein Schnäppchen geschlagen. Hier war´s nass und neblig, als die...
bubo, 9 days ago
Ton im Ton mit dem Essen scheint ein Stilprinzip der Vogelwelt zu sein.
katatonik, 9 days ago
...
gHack, 9 days ago
I like a lot!
StefanL, 10 days ago

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