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Friday, January 6, 2017
Trumps Twitter

Als Twitter noch recht neu war, hat ein Kollege mir nebenbei von einem Account erzählt, mit dem ein Entwickler quasi in einem nur halb ernst gemeinten Versuch von "Home Automation" Kommandos an eine Anlage zu schicken, die seine Pflanzen wässern konnte. Oder war es ein Kunstprojekt, mit dem eine Pflanze twitterte, dass sie gewässert werden wollte? Wie auch immer: Ich habe gelacht. Sozialmedien abseits der professionell betriebenen Nachrichtensites versprachen herrschaftsfreie Kommunikation, die endlich nicht mehr top-down, sondern bottom-up organisiert sein würde. Twitter war damals noch klein, alles hätte daraus werden können, warum nicht auch ein System zur Kommunikation mit Pflanzen.

Zehn Jahre später haben wir es mit Donald Trump zu tun. Für manche mag es eine Beleidigung darstellen, dass er nicht auf Facebook, sondern auf dem eher elitären, von vielen Journalisten als Nachrichtenticker-Ersatz wahrgenommenen Twitter groß geworden ist. So richtig groß, larger than life.

Trumps Aufstieg durch Twitter ist eine sehr subtile Beleidigung der Kommunikationselite, die entsprechend indigniert reagierte. Nicht nur, dass sich der rüde Populist quasi in ihrem eigenen Wohnzimmer so aufführte, er war damit auch erfolgreicher als sie. Sein berühmtester und bester Tweet war spot on: Twitter sparte ihm das gigantische Werbebudget, das Konkurrenten wie etwa Jeb Bush zur Verfügung stand. Er konnte auch auf Vermittler wie die New York Times komplett verzichten, sie einfach zappeln lassen.

Die Kränkung der Kommunikationselite durch Trump geht aber noch tiefer, denn sie zeigt, dass sie mit Twitter reingefallen ist, ja reinfallen musste, weil die Plattform die dümmsten und brutalsten Mechanismen der traditionellen Medien repliziert. Das ist auch der Grund, warum sie sich dort gleich so wohlig zu Hause fühlten.

Twitter ist nicht bottom-up, es ist top-down wie eine klassische Redaktion. Die darwinistischen Prinzipien des Aufmerksamkeitskampfs sind dort noch verschärft. Nur der schmerzbefreite boulevardeske Provokateur kann dort punkten - und gigantische Anhängermassen um sich versammeln, was wiederum sein Ego streichelt, immer und immer wieder, bis es kommt. Der Egomane sticht den bloßen Egozentriker. Man muss dort nicht beweisen, dass man in der Lage wäre, einen Gedanken auszuführen. Es reicht der - wir erinnern uns an die Pflanze - vegetative Impuls, der bloße Affekt, um die Timeline zum Zucken zu bringen.

Trump ist ein Spiegel, der der Medienbranche ihre hässlichsten und widerwärtigsten Eigenschaften vorführt. Genau deshalb ist sie auch von ihm fasziniert, sie will von ihm lernen, genauso minimalistisch werden, auf einer proprietären geschlossenen Plattform, auf der es nur einen Präsidenten gibt, der diktatorische Kommandos an seine gemüseartigen Follower versendet. Eine Karikatur menschlicher Kommunikation, die von William S. Burroughs hätte erdacht werden können.

Trumps Twitter ist eine Befehlsmaschine wie das Radio der Nazis. Generell funktioniert der neue Faschismus über die Verbreitung von zwei, drei einprägsamen Slogans, die als Sprechakte, als Befehle funktionieren. So war "Brexit" nicht einfach der Name einer Bewegung, es war ein Kommando: "BREXIT!" Genauso funktioniert auch Trumps Twitter. Der Boss zuckt, die Zitterpappeln rauschen. Und: Sein Wort ist Befehl, hat unmittelbare materielle Konsequenzen auf Außenpolitik und Aktienkurse. Burroughs hätte das geliebt, Trumps Twitter ist die Verwirklichung seiner irren Theorien von Maya-Priestern, die mit präzisen Kommandofolgen ihre robotischen Populationen fernsteuern. Natürlich ist das WORT, das FLEISCH wird, auch das Grundkonzept unserer wunderbaren monotheistischen Religionen - und generell das Versprechen des Konzepts Software.

Wenn Trump twittert, werden alle anderen zu Pflanzen. Wir, die guten Willens sind, müssen dieses Phänomen nun analysieren und Konsequenzen daraus ziehen.

Online for 1780 days
Last modified: 10/7/17 6:28 PM
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Comments
Ich freu mich immer, wenn
sie es wieder in unsere Breiten geschafft haben. Ein...
gHack, 5 months ago
P.S. Supertolles Foto
bubo, 5 months ago
Genau. Dokumente gegen die
Impertinenzen der restlichen Welt.
bubo, 5 months ago
Zum Beispiel, dass die
beiden hier unzertrennlich zu sein scheinen.
gHack, 5 months ago
Ich auch, ich auch. Aber
wer weiss wozu Ihre zufälligen Beobachtungen gut sein können...
bubo, 5 months ago
Ich bin ja nicht
Profi, ich geh ja nur spazieren.
gHack, 5 months ago
Groß! Aber sagen
Sie mal, hier sollten Sie mal tätig werden http://www.ornitho.at/index.php?m_id=5&sp_DOffset=5
bubo, 6 months ago
Eher: Lange Brennweite plus
dichtes Unterholz. Man will ja nicht stören.
gHack, 6 months ago
hui! (und
so dicht dran noch dazu)
p.m., 6 months ago
Sie akklimatisieren sich gerade.
gHack, 6 months ago
die Ammer denkt: der
Spint
bubo, 6 months ago
I appreciate this very
much
bubo, 6 months ago
Toll!
goncourt, 6 months ago
Ja. Nichts bleibt, wenn
wir nicht dafür sorgen, dass es weitergeht.
gHack, 8 months ago
Kommt mir irgendwie geläufig
vor…
tobi, 8 months ago
Man muss sich ja dauernd
um die Systeme kümmern. Entweder Archive.org saugt es ab...
gHack, 8 months ago
D.h. der Long Tail
ist Geschichte?
tobi, 8 months ago
Klar geht das wieder auseinander,
aber ich meinte in erster Linie diesen starken Sog...
gHack, 8 months ago
Hmm, da bin ich nicht
so sicher. Sites wie http://www.wikia.com/fandom erfreuen sich doch schon...
tobi, 8 months ago
Hier noch nicht so
stark verbreitet.
gHack, 9 months ago
prefering the queue at
the selbstscannerkasse.
garbageman, 9 months ago
!
exdirk, 10 months ago
True!
gHack, 10 months ago
Zahlensender: Berauschender Vergleich!
libralop, 10 months ago

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