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Monday, July 7, 2014
Das andere verlorene Land

Heute Morgen hat ein Twitterkontakt einen Link auf einen Artikel über Af*D-Chef Lucke gepostet, der Mann sei aus der Zeit gefallen, stand da, man könne die Zeit nicht zurückdrehen und die D-Mark wieder einführen und so weiter.

Insgesamt hat das Stück zu einem Set von Beobachtungen gepasst, die ich seit geraumer Zeit verfolge und auch schon in einem Text verarbeitet habe, nämlich dass Bürgerinnen und Bürger der DDR ihre Ostalgie haben und pflegen - im Guten wie im Bösen -, und das auch gesellschaftlich akzeptiert ist, bis zu dem Punkt, dass die FAZ ein interessantes Weblog unterhält, in dem die Autoren, die noch ihre Kindheit in der DDR verbracht haben, aktuelle Phänomene vor dem Hintergrund dieser Erfahrung analysieren.

Es gibt natürlich auch viele Orte On- und Offline, an denen über die DDR debattiert werden kann. Wie gesagt: Es ist gesellschaftlich akzeptiert, im ungünstigsten Fall validiert das öffentliche Nachdenken über die DDR die Perspektive der Sieger, lass sie nur reden, das ist vorbei, Goodbye Lenin.

Dem gegenüber zuzugeben, dass es auch die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr gibt, dieses Land mit kostenloser Medikamentenversorgung ohne Zuzahlung, diesen Debatten über Arbeitszeitverkürzung, diesen mächtigen Gewerkschaften, das Land des "rheinischen Kapitalismus", das fiel speziell der Führungsschicht, den rechtskonservativen Siegern, recht schwer. Man hat schlicht und einfach gewonnen, und das war's dann auch. Kleinigkeiten wie der Raubbau an den Rentenkassen durch die Regierung Kohl betrafen schließlich nur die Verlierer, die Proles, zu denen auch die Führungsschicht der SPD nicht gehören wollte - ein Identifikationsproblem, das bis heute ihren politischen Niedergang prägt.

Nun gibt es aber eine andere Art von Verlierern, nämlich die Gruppen des BRD-Bürgertums, die durch Vordringen von IT-Systemen (Rationalisierung des Dienstleistungsbereichs) bzw. durch den Aufstieg der Europäischen Union (man findet sich plötzlich auf nationaler Ebene in der zweiten Reihe der Macht wieder) ins Hintertreffen geraten sind, obwohl sie es doch geschafft hatten: Schäfchen ins Trockene gebracht, Kommunismus besiegt, und jetzt das?

In dieser Situation besinnt man sich gern auf die äußere Form der guten Zeiten zurück: Die BRD, die D-Mark, freie Autobahnen, am besten auch gleich ohne die Sozis der 1970er-Jahre, ein Wirtschaftswunderland, halt, mit einer Hochtechnologie, vor der sogar Amis und Japaner noch Respekt hatten. In der CDU, dem Kohlismus und der EU verschrieben, fanden diese Leute natürlich keine Heimat. Anders als die harten Ostalgiker hatten sie keine eigene Partei, in der sie ihre Stimmung wiederfinden und eben auch öffentlich ausdrücken konnten. In der CSU gehört Peter Gauweiler vielleicht zu diesen Leuten, er formuliert viele ihrer Bedenken, aber er wirkt selbst dort etwas fehl am Platz. In der CDU hat es Roland Koch gegeben, aber der ist weg.

Es wundert mich eher, dass es so lange gedauert hat, bis eine Partei wie die A*fD entstanden ist, regiert von Leuten, die sich fragen: "What would Alfred Dregger do?" Gerade ihr Entstehen aber zeigt: Die BRD ist tot, sie existiert nur noch als Folie für die Ostalgiker und ist vor allem in deren Erzählung als Traum lebendig.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich mit dem anderen verlorenen Land zu beschäftigen. Wie etwa Josef Foschepoth mit seiner Analyse der Geheimdienstmethoden in der BRD, die einen enormen Erkenntnisgewinn in der NSA-Affäre mit sich gebracht hat. Man beginnt damit, indem man sich eingesteht, dass die BRD genauso tot ist wie die DDR.

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Last modified: 9/15/19 6:35 PM
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